Die heimlichen Champions
Weltmarktführer aus FRM
Wussten Sie, dass in den meisten Flachbildschirmen Flüssigkristalle aus Darmstadt stecken? Oder dass an fast jedem Flughafen der Welt ein Röntgengerät aus Wiesbaden steht? Die Weltmarktführer aus der Region.
Veritas, Ixetic, Vitronic, Smiths Heimann. Schon mal gehört, die Namen? Nein? Sie sollten sie sich aber merken. Denn dahinter verbergen sich die erstaunlichsten Geschichten aus FrankfurtRheinMain. Nehmen wir Smiths Heimann. Walter Heimann, ein Pionier der deutschen Fernseh-Technik, gründet 1946 in Wiesbaden die Heimann GmbH. Als sich in den 1970er-Jahren die Flugzeugentführungen mehren, reagiert Heimann und liefert das erste Röntgengerät zur Kontrolle des Handgepäcks. Später kommen Geräte zur Identifizierung von Sprengstoffen und Waffen, Schmuggelwaren und Drogen hinzu. Heute ist das Unternehmen, das seit 2002 zur britischen Smiths Group gehört, Weltmarktführer für Röntgenprüfsysteme. An 85 Prozent der Flughäfen stehen Geräte aus Wiesbaden. Und nicht nur hier. Überall, wo Verbotenes über Grenzen oder in sensible Bereiche transportiert werden könnte, sind Produkte von Smiths Heimann im Einsatz – an Grenzstationen und Häfen, an Eingängen von Ministerien und Botschaften. Die Palette reicht von Scannern, mit denen Postsendungen überprüft werden, bis zu Hochenergiesystemen, die ganze Lastwagen oder Container durchleuchten können.
Ähnliche Erfolgsgeschichten können Ixetic, Veritas und Vitronic erzählen. Die Bad Homburger Ixetic GmbH ist ein weltweit führender Hersteller von Hydraulik- und Vakuumpumpen für die Automobilindustrie. Veritas aus Gelnhausen führt den Weltmarkt im Bereich Leitungssysteme für Kraftstoff, Öl oder Ladeluft in Fahrzeugen an. Und Vitronic aus Wiesbaden ist der international erfolgreichste Anbieter industrieller Bildverarbeitungssysteme. Das Unternehmen hat zum Beispiel das weltgrößte Paketverteilzentrum, das von UPS in Louisville, USA, mit Systemen zur Paketlesung, Volumenvermessung und mit Wiegestationen ausgerüstet und auch die stationären Kontrolleinrichtungen für die deutsche LKW-Maut geliefert. Denkt man an erfolgreiche Unternehmen aus der Region, kommt man schnell auf Deutsche Bank, Deutsche Börse oder Fraport. Dem ein oder anderen fallen noch Braun (Rasierer) oder Jack Wolfskin (Outdoor-Kleidung) ein. Aber Ixetic und wie sie alle heißen? Nein, diese Unternehmen kennen allenfalls Spezialisten, weil sie sich in Nischen bewegen. Das aber sehr erfolgreich. „Hidden Champions", heimliche Gewinner, heißt der Fachbegriff. Etwa zwei Dutzend dieser „Hidden Champions" gibt es in FrankfurtRheinMain. Sie sind relativ klein, stark spezialisiert, hoch innovativ, mehr oder weniger unbekannt, aber weltweit führend in ihrem Bereich.
Und sie sind bescheiden. Es dürfte nicht viele Weltmarktführer geben, deren Firmenzentrale sich ein Gebäude mit einem Discounter teilt. Merz ist so ein Fall. Seit genau 100 Jahren hat das Pharma-Unternehmen seinen Sitz mitten in Frankfurt. „Wir leben nicht von Gebäuden", sagt Dr. Martin Zügel. Das Unternehmen verweigert sich vielem, was andere glauben, tun zu müssen. Und es macht, worauf andere noch nicht gekommen sind. So ist dem mittelständischen Unternehmen 2002 etwas gelungen, was keinem Pharmariesen bis heute geglückt ist: ein Medikament zu entwickeln, das Symptome von Alzheimer lindert. Memantine heißt der Wirkstoff. Dank ihm gewinnen Alzheimer-Patienten Fähigkeiten zurück, die verloren schienen – etwa sich selbständig waschen oder anziehen zu können. Das Medikament ist ein Renner. Auf dem US-Markt wird es dieses Jahr erstmals die Umsatzhürde von einer Milliarde Dollar nehmen. Merz steht glänzend da. Wachsende Mitarbeiterzahlen, stetig neue Märkte, rasant steigende Umsätze. „Und mehr Gewinn, um in die Zukunft zu investieren", ergänzt Zügel. Merz Pharmaceuticals hat die Zahl seiner Forscher seit 2004 verdreifacht. Hatte der Memantine-Coup Methode – oder war es auch Glück? Zügel schüttelt den Kopf. „Man kann Erfolg nicht erzwingen, aber man kann festlegen, wo man ihn haben will." Der nächste Verkaufsschlager könnte ein Wirkstoff gegen Tinnitus sein. Er befindet sich bereits im klinischen Test. So weit ist sonst niemand auf der Welt.
Ortswechsel. Im Süden der Region sitzt Merck. Das Pharma- und Chemieunternehmen ist tief in Darmstadt verwurzelt – als wichtigster Arbeitgeber, wirtschaftlicher Leuchtturm sowie Förderer von Bildungs-, Kultur- und sozialen Einrichtungen. Das älteste phamazeutisch-chemische Unternehmen der Welt ist heute noch zu 70 Prozent im Besitz der Familie Merck. Doch nur Branchenkenner wissen, was der Global Player mit seinen rund 33000 Mitarbeitern in 60 Ländern produziert: Arzneien und Gesundheitspräparate – vom Klassiker Nasivin bis zu Vitamin- und Mineraltabletten –, aber auch Medikamente für komplexe Krankheiten wie Krebs oder Multiple Sklerose. Führend in der Welt ist Merck aber vor allem mit einer Technologie im Bereich Spezialchemikalien, mit den sogenannten Flüssigkristallen. Ob Fernseher, Handy, PC oder Fahrkartenautomat — überall sind Flüssigkristalle in den modernen Liquid-Crystals-Displays, kurz LCDs, am Werk. Und bei den meisten stammen die Hightech-Moleküle aus Darmstadt. Dr. Werner Becker, Abteilungsleiter Technologie in der Liquid-Crystals-Sparte bei Merck: „Mit mehr als 50 Prozent Anteil sind wir weltweit Marktführer bei den Flüssigkristallen, bei den TV-Anwendungen ist unser Anteil noch deutlich höher."
Die Gründe für den Erfolg: hohe Innovationskraft, eine kluge Patentierungsstrategie, eine starke Kundenorientierung, eine ständige Optimierung der Synthetisierungsprozesse, eine zielgerichtete Internationalisierung – und die stetige Weiterentwicklung. So entsteht nur wenige Meter neben der LC-Produktionsanlage in Darmstadt gerade ein neues LC-Forschungs- und Entwicklungszentrum. „Die LC-Technologie ist noch lange nicht ausgereizt. Die neueste Spitzentechnologie heißt PS-VA", sagt Dr. Werner Becker.
Last Exit: Hanau. In einem Show-Room auf dem Firmengelände der Heraeus Holding ist zu sehen, was das Unternehmen kann. Sensoren, die bei 1750 Grad Celsius die chemische Zusammensetzung von Stahl analysieren; ein mannshoher Zylinder aus synthetischem Quarzglas, aus dem Glasfaserkabel werden; Elektroden für Herzschrittmacher, deren Beschichtung einen Tausendstelmillimeter dünn ist; fein gewebte Platinnetze, Zahnimplantate, UV- und Infrarotstrahler, Spezialfarben und haarfeine Golddrähte – auf den ersten Blick ist schwer zu erkennen, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. Letztlich aber geht es bei Heraeus immer darum, Materialien, vor allem Edelmetalle, so zu bearbeiten, dass sich ihre Eigenschaften in die gewünschte Richtung verändern. Platin soll robuster, Glas weniger spröde, Licht intensiver werden. Was immer der Kunde will, das Familienunternehmen mit fünf Konzernbereichen, über 100 Standorten weltweit und 4700 Patenten entwickelt maßgeschneiderte Produkte und ist sogar in mehreren Bereichen Weltmarktführer. So sitzen Edelmetallkügelchen mit Ruthenium-Osmium-Legierungen aus Hanau an der Spitze von 93 Prozent aller Tintenfedern. „Wir sind in vielen Nischen aktiv – mit dem Anspruch, in jeder zu den Top Drei zu gehören", sagt Jörg Wetterau, Technologiekommunikator des Unternehmens. Dabei ist Heraeus der wohl Unsichtbarste aller „Hidden Champions" aus FrankfurtRheinMain. Denn das Unternehmen liefert keine Endprodukte, sondern produziert Komponenten zur Weiterverarbeitung. Wetterau: „Es dürfte heute kein Auto auf der Welt geben, in dem nicht mindestens ein Teil von Heraeus steckt."
Christian Sälzer














