Bio-Region
Vom Biohof zum Öko-Supermarkt
In FrankfurtRheinMain konzentrieren sich mehr Bio-Unternehmen und Öko-Verbände, als man denkt. Eine Reise zu den Orten, an denen FRM sich von seiner natürlichsten Seite zeigt.
„Trinkt sie noch nicht?", fragt Margarethe Hinterlang und schaut in die Eckbox im großen Kuhstall des Dottenfelder Hofs. Auf dem Stroh steht Kuh Andorra mit ihrem vor zwei Stunden geborenen Kälbchen. Leicht tapsig bewegt sich das Jungtier durch die Box, saugt am Hals der Mutter – aber nicht dort, wo es soll. Margarethe Hinterlang beobachtet die Szene noch ein wenig, öffnet das Gatter und springt in die etwas tiefer liegende Box. „Jetzt werden meine ganzen Sachen dreckig", ruft sie lachend, während sie mit beherztem Griff das Kalb zum Euter führt. Margarethe Hinterlang kennt sich aus mit Tieren, denn sie ist nicht nur Öffentlichkeitsarbeiterin des Demeter-Hofs in Bad Vilbel, sondern neben dem Schulbauernhof auch für die Kälber zuständig. Die freundliche und zupackende Landwirtin ist ein gutes Beispiel für viele engagierte Bioarbeiter in FrankfurtRheinMain.
Hier lebt die Biobranche – und das nicht erst seit dem Boom der vergangenen Jahre, in denen sich der Bio-Lebensmittelumsatz in Deutschland von 3,5 (2004) auf 5,8 Milliarden Euro (2008) steigerte. Hessen nimmt dabei eine Spitzenposition ein: Der Bio-Anteil an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche lag im vergangenen Jahr bei 9,1 Prozent; nur Berlin und Brandenburg bieten noch mehr Bioanbaufläche. Allerdings sind nicht nur die rund 1600 landwirtschaftlichen Bio-Betriebe erfolgreich, sondern auch die übrigen 600 Bio-Unternehmen in Hessen. Das in Fulda gegründete und heute im südhesssischen Bickenbach ansässige Bio Lebensmittelunternehmen Alnatura etwa, das mit 50 Biosupermärkten deutschlandweit vertreten ist. Tegut aus Fulda wiederum hat in den vergangenen 30 Jahren mit 300 Filialen eines der größten Bio-Sortimente unter den Supermarktketten aufgebaut. Für weiteres Knowhow sorgen in der Region die Öko-Test-Redaktion in Frankfurt, das Öko-Institut, das neben Freiburg und Berlin auch in Darmstadt forscht und berät, oder der Demeter-Bund, ebenfalls in Darmstadt.
Die bundesweit 5000 Bioland-Mitgliedsbetriebe kommen ebenfalls über ihren Verband in FrankfurtRheinMain zusammen. Dessen Sprecher Gerald Wehde sitzt in Mainz unweit des Bahnhofs mit seinen Kollegen auf einer Etage eines hübschen Altbaus. Wehde und weitere rund 120 Mitarbeiter beraten die Bioland-Unternehmen und machen Lobbyarbeit für Bio-Produkte, die Hersteller und 800 weitere Bioland-Betriebe wie Molkereien oder Fleischfabriken. Der Grund für die Ansiedlung des Verbandes in Mainz vor elf Jahren: „Wir sind hier verkehrsmäßig gut gelegen in der Mitte Deutschlands", erklärt Agraringenieur Wehde ganz pragmatisch.
Die Häufung von Biobetrieben, Unternehmen und Verbänden in FrankfurtRheinMain liegt für Wehde vor allem daran, dass die Kaufkraft in der Region so groß ist – der Hochtaunuskreis ist der kaufkräftigste Kreis in Deutschland, der Main-Taunus-Kreis steht an vierter Stelle. „Bio-Produkte sind im Schnitt immer noch teurer als konventionelle Lebensmittel und werden vor allem von besser ausgebildeten Menschen mit höheren Gehältern konsumiert", sagt Wehde. Auch Renée Herrnkind argumentiert in diese Richtung: „Die Vermarktung funktioniert in der Region sehr gut, weil die bio-affine Zielgruppe dort lebt", sagt die Sprecherin des Demeter-Bundes. Wahrscheinlich funktioniert deshalb auch der Dottenfelder Hof in Bad Vilbel so gut, der seit 1968 mit 130 Arbeitsplätzen nach den biologisch-dynamischen Prinzipien wirtschaftet. Rund 100 Menschen leben mittlerweile von und auf dem romantisch aussehenden Hof, der als Klostergut schon seit 976 bekannt ist. Zu den Dottenfeldern gehören 30 Kinder und einige Senioren mit lebenslangem Wohn- und Lebensmittel-Entnahmerecht – die Gründer des Hofes, die in den 1960er-Jahren, als sich die Landwirtschaft zunehmend industrialisierte, eine nachhaltige vielfältige Landwirtschaft ausprobieren wollten.
Ein paar Kilometer weiter arbeitet in ebenfalls freundlich-ländlicher Atmosphäre der Bio-Lieferservice Querbeet. In Reichelsheim flitzen die Mitarbeiter durch die hintereinander liegenden Regale, in denen gelbe Zucchini, lila-schwarz glänzende Auberginen und dunkelgrüne Gurken in Kisten liegen, und packen das Bio-Gemüse und Bio-Produkte aus den Kühlräumen für Käse und Wurst oder dem Weinlager in Versandkisten für rund 3000 Kunden im gesamten Gebiet von FrankfurtRheinMain. Vier Transporter fahren vom Pappelhof morgens los, um die Kunden zu beliefern; inklusive frischer Backwaren, die ein Biobäcker anliefert. Die Idee zu Querbeet, das sich mit Bio-Lieferanten wie „Novum" aus Bischofsheim und „Paradieschen" aus Geiselheim den Markt teilt, hatte vor 13 Jahren Thomas Wolff. Nach seiner Lehre zum Bioland-Bauern kam der heute 48-Jährige 1992 auf den Pappelhof. Mit der Zeit stellte Wolff fest, dass ihm die Vermarktung der Produkte viel besser gefiel als nur der Anbau. Der groß gewachsene sportliche Unternehmer, der als begeisterter Langstreckenläufer und geschickter Marketingmann mit einigen anderen Firmen den Frankfurt-Marathon mit Bioobst für die Läuferinnen und Läufer versorgt, kümmerte sich zunächst um die Marktstände. Anschließend bestückte er den ersten Bio-Stand auf dem Frankfurter Erzeugermarkt (Konstablerwache), wo heute 15 von 55 Ständen Bio sind, und organisierte den großen Querbeet-Stand in der Frankfurter Kleinmarkthalle.
Gut in der Vermarktung ist auch die Domäne Mechtildshausen, die zur Wiesbadener Jugendwerkstatt gehört. Das Gut, unweit des Flughafens Erbenheim, arbeitet seit 22 Jahren daran, mit drei Außenstellen auf insgesamt 600 Hektar Land ein feines biologisches landwirtschaftliches System zu schaffen. So lange mit dabei ist auch Horst Freund, der Leiter des Obst- und Gemüseanbaus. Beim Hofrundgang bleibt er bei den cremefarbenen Charolais-Rindern stehen oder schaut prüfend auf die Gewächshäuser mit den Tomaten und Gurken. „Wir bieten nur Bio-Spitzenprodukte an", macht der 53-Jährige klar. Auf der Domäne Mechtildshausen sieht er den Bio-Gedanken perfekt umgesetzt. „Bei uns ist bis zur letzten Praline im Hofladen alles Bio." Daneben steht die soziale Dimension des Hofes. Rund 80 festangestellte Meister, Ingenieure und andere Experten bilden auf der Domäne Mechtildshausen zurzeit 300 Jugendliche im Echtbetrieb aus, auch viele Langzeitarbeitslose erhalten hier eine Chance.
Biobauer aus Überzeugung ist Andreas Schneider. Den 39-Jährigen hat das Thema Ökologie als Jugendlicher gepackt. „Als Tschernobyl und andere Umweltkatastrophen passierten, war mir klar, dass ich mit unserem Betrieb etwas anderes machen werde", sagt der Apfelweinbauer. Nach einer konventionellen Obstbauernlehre übernimmt er den Betrieb, der seit 1965 der Familie gehört. Er stellte 1994 seine sechs Hektar Plantagen und 2,5 Hektar Streuobstwiesen auf Bio um und wird 1996 nach der Übergangszeit zertifiziert. Die zweite Besonderheit: Schneider ist einer der wenigen Apfelbauern, die sortenreine, und vor allem ambitionierte und geschmacklich hervorragende Apfelweine aus dem Obst herstellen. Seine Produkte stammen entweder von den eigenen Bio-Plantagenäpfeln, oder, falls die Ernte nicht ausreicht, aus Äpfeln von Streuobstwiesen. Damit schützt er zugleich die arbeitsintensive Anbauform, die weite Teile von FrankfurtRheinMain landschaftlich prägt. Ein weiterer Schwerpunkt sind aussterbende alte Apfelsorten, die er auf den Plantagen bewahrt. „Sie erfordern eine lange Entwicklungszeit", sagt Schneider, „erst nach 20 Jahren kann man die Früchte seiner Arbeit anfangen zu ernten."
Ein anderes, in Deutschland fast schon vergessenes Produkt wächst rund um Gießen. Zehn Biobauern pflanzen und ernten seit 2005 etwas, was allerdings ungenießbar ist: Flachs. Die Pflanze, die seit Ende des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger von deutschen Feldern verschwunden war, erfüllt wieder eine sinnvolle Aufgabe. „Aus dem Flachs lassen wir Leinen herstellen, den wir für unsere Kleidung einsetzen", sagt Verena Kuhnert. Die 37-Jährige ist Sprecherin von Hessnatur, das seit 1976 versucht, Damen-, Herren- und Kinderkleidung vollständig aus biologisch angebauten und vor allem auch ökologisch weiterverarbeiteten Materialien herzustellen. 310 Mitarbeiter in Butzbach und in den Geschäftsstellen in den USA und der Schweiz arbeiten für 700000 Kunden, die die Bio-Kleider vor allem per Versand kaufen. Hessnatur verbessert beständig die Standards, lässt sich seit Jahren unabhängig prüfen und bohrt so lange, bis auch die letzten Stoffe Bio werden. Zudem verzichten die Butzbacher auf bedenkliche Farbstoffe, chlorbleiche Aufheller, chemischen Mottenschutz oder Bügelfreiausrüstungen der Kleidung und setzen sich für die Arbeitsbedingungen in den Erzeugerländern ein.
„Wir sind das bisher einzige Unternehmen in Deutschland, das sich von der holländischen Fair Wear Foundation kontrollieren lässt", berichtet Verena Kuhnert stolz. Sogar das nach anthroposophischen Grundlagen erbaute Firmengebäude greift die Linie des Unternehmens auf. Und zeigt damit ziemlich plakativ den weit verbreiteten ökologisch-biologischen Ansatz in FrankfurtRheinMain: Es steht unweit der Autobahn A5 an der Ausfahrt Butzbach in einem eher durchschnittlichen Industriegebiet und fügt mit seinen rötlichen, blauen und gelben Farbtönen einen matten, aber sehr entspannt wirkenden Farbtupfer in die grüne Landschaft.
Marc-Stefan Andres