Ideenschmiede Offenbach
Von der Fabrikstadt zum Kreativ-Zentrum
Aus leerstehenden Fabriken werden schicke Lofts, eine alte Ölhalle wird für Ausstellungen genutzt, in Hinterhöfen entstehen Werkstätten – das Cluster formiert sich.
Neulich waren die Leute von Google in Offenbach. Auf der Suche nach neuen Internet-Lösungen. Bei Sensory Minds in der Ludwigstraße. Das Start-up von Wolfgang Henseler ist in kurzer Zeit zu einem großen Player im Bereich Natural User Interface aufgestiegen. Dieser Begriff bezeichnet den Wandel an der Schnittstelle Mensch-Maschine: Weg von Maus und Tastatur, hin zur Bedienung mit Fingern, Händen oder einem Stift direkt am Bildschirm – eben hin zu einer „natürlichen Nutzung". „Kein Umweg mehr über Menüs und Eingabebefehle", sagt Wolfgang Henseler, „die Bedienung wird unmittelbarer, einfacher, schneller, effizienter und spielerischer. Jeder Mensch, ob jung oder alt, kommt damit intuitiv klar." Diese Entwicklung betrifft auch das Geschäftsmodell von Google. Wie verändern sich Websites? Wie muss das Interface aussehen? Darauf hat Sensory Minds Antworten. Und deshalb war Google am Dienstag in Offenbach – und Youtube am Mittwoch.
Offenbach steht vor dem größten Wandel in seiner Geschichte. Gestern Fabrikstadt, morgen Hot Spot der Kreativszene. Offenbach häutet sich, wischt den Schweiß von der Stirn. Zwar zählen die Maschinenbauer wie Manroland (Druck) oder GKN Löbro (Automobil) noch zu den größten Arbeitgebern. Aber die Lederwarenproduktion im großen Stil, durch die sich die 120000-Einwohner-Stadt einst einen Namen machte, ist Geschichte. Davon zeugt heute nur noch das Ledermuseum. Dafür rückt immer stärker, aber bislang über die Stadtgrenzen hinaus kaum wahrgenommen, die so genannte Kreativ-Wirtschaft in den Vordergrund. Künstler, Musiker und Fotografen machen auf sich aufmerksam. IT-Firmen, Designer und Werbeagenturen entwickeln Ideen für Produkte. Mit 4000 Menschen in 900 Unternehmen ist Offenbach in dieser Branche überdurchschnittlich stark vertreten, wie eine Studie zeigt. Das Cluster formiert sich. Aus leerstehenden Fabriken werden schicke Lofts, eine alte Ölhalle wird für Ausstellungen genutzt, in Hinterhöfen entstehen Werkstätten, aus einer Brache wird ein Open Air-Kino und aus einem ausgedienten Lokschuppen ein angesagter Szene-Treff.
Wolfgang Henseler sitzt im zweiten Stock einer ehemaligen Lederwarenfabrik. Die Räume großzügig, offen, alles in Schwarz und Weiß. Er ist der Bill Gates von Offenbach, die Ikone der Kreativszene, ein Mann der ersten Stunde. Kunststudent, Gründer, Millionär – immer an der Spitze der Entwicklung. Bereits als Student an der Hochschule für Gestaltung bastelt er an der Zukunft des Computers. Er legt seinen Profs 1988 ein schwarzes Plexiglas-Teil auf den Tisch, das auf Berührung reagiert. Zu der Zeit ein Fall von Genie oder Wahnsinn. 1994 gründet er die „Pixel Factory", entwirft die ersten Internet-Seiten für die Deutsche Bank, Mercedes-Benz, Lufthansa. Zu Hochzeiten beschäftigt das Unternehmen 120 Mitarbeiter in Offenbach, dazu Filialen in London und New York. 1999 übernimmt Henseler an der Pforzheimer Hochschule für Gestaltung eine Professur für Visuelle Kommunikation - und verkauft sein Unternehmen gewinnbringend. Nach einem Intermezzo als Geschäftsführer bei einer Bad Homburger Internet-Agentur („Da hätte ich die Entwicklung verschlafen") ist er nun wieder da
Und wie. Die großen Namen stehen Schlange bei Sensory Minds, das erst im Mai 2009 gegründet wurde. AMG Mercedes will sein Natural User Interface Design im großen Stil einsetzen, die Bundeswehr ist an seinen Projekten interessiert. Zwölf Mitarbeiter arbeiten fieberhaft an innovativen Websites für MLP und Arte. Im Juli 2009 installierte Sensory Minds die weltweit größte Multi-Touch- und Multi-User-Wand am Nürburgring – 45 Meter lang und 11 Meter hoch. Nur ein Warm-up für ein großes Rennen.
Aber warum gerade Offenbach? Kurze Wege, schnelle Entscheidungen, kreatives Potenzial, multikulturelles Flair – und günstige Mieten. Wie in Berlin-Kreuzberg. Der Maler Johannes Kriesche verlegte 1997 sein Atelier von Frankfurt nach Offenbach. In die Mato-Fabrik, eine ehemalige Maschinenfabrik in der Bieberer Straße. Sie sollte eigentlich abgerissen werden, die Ateliernutzung nur eine Übergangslösung sein. Heute arbeiten in der Fabrik mit dem Charme des Berliner Kunsthauses „Tacheles" über 40 Maler, Bildhauer und Musiker. Es riecht noch nach Metall, aber es entsteht Kunst. Die Künstlervereinigung „Kunst Raum Mato" macht sich für den Kreativ-Standort Offenbach stark. Kriesche, der durch seine Paraffin-Arbeiten überregional bekannt wurde, ist Vorsitzender des Vereins. Hemdsärmelig, unprätentiös, „hier geht einiges". Längst lebt er auch in Offenbach. Kontakte binden. Gerade kommt er von einer Ausstellung aus Nürnberg. Dort entsteht auf dem ehemaligen AEG-Gelände ein neuer Kunstraum nach dem Vorbild der Leipziger Baumwollspinnerei. In dieser Liga sähe er Offenbach gerne.
Knut Hartmann, Gründer und Inhaber von khdesign, zog 2002 mit seiner Markenagentur von Frankfurt nach Offenbach – und konnte damit die Mietkosten halbieren. Er sitzt in der Heyne-Fabrik. Die ehemalige Schrauben-Fabrik in der Nähe des Hafens war einmal die drittgrößte Fabrik in Offenbach. Nach Einstellung der Produktion 1968 wurde das Gelände renoviert und mit mehreren Architektur- und Denkmalschutzpreisen ausgezeichnet. In den schicken Lofts und Showrooms arbeiten heute 200 Firmen. Sie entwickeln Trends in Design, Mode, Architektur und Werbung. Knut Hartmann betreut Großkunden wie den Pharmariesen GlaxoSmithKline und die Drogeriemarktkette „dm". Der finanzielle Vorteil in Offenbach ist längst in den Hintergrund getreten. Kreative Netzwerke sind ein überzeugender Standortfaktor. Mit dem Möbelhändler im Erdgeschoss hat Hartmann ebenso über gemeinsame Projekte nachgedacht wie mit dem Werber über ihm – allerdings über Kunstaktionen. Das Agentur-Geschäft hat ihn nachdenklich gemacht. Hartmann will zurück an die Ursprünge. Er hat die Geschäftsführung der Agentur seiner Tochter übertragen. Und macht jetzt Fotografie. „City Lights", verwackelte Stadtaufnahmen mit strahlender Leuchtkraft, sind sein Markenzeichen.
Kunst, das ist das eigentliche Argument für Offenbach. Die traditionsreiche Hochschule für Gestaltung (HfG) bildet den Humus des Kreativstandortes. Sie ist national die Nummer 1 im Kommunikationsdesign und – nur zum Vergleich - fünfmal so groß wie die renommierte Frankfurter Städel-Schule. Die HfG bildet mit 22 Professoren und 15 Dozenten 600 Studenten in den Fachbereichen Visuelle Kommunikation und Produktgestaltung aus und bringt immer neue Topleute und Talente hervor. Den Künstler Thomas Bayrle. Den Designer Oliver Grabes, der die XBox für Microsoft gestaltete. Den Filmregisseur Carsten Strauch und jüngst erst Sebastian Herkner. Der Produktgestalter und Absolvent von 2007 zeigte im April 2009 drei Entwürfe auf der weltgrößten Möbelmesse „Salone" in Mailand. Prompt wurde ein Ausstellungsstück von dem international führenden Designmagazin „Wallpaper" zu den besten zwanzig Produkten gekürt. Mit zwei weiteren Entwürfen steht Herkner in Verhandlungen mit Herstellern in den Niederlanden und Spanien. Geboren und aufgewachsen in Bad Mergentheim, ist Herkner – wie so viele - in Offenbach hängen geblieben. Er lebt und arbeitet in einem Hinterhausloft in der Geleitsstraße – barfuß, in Jeans und T-Shirt. Ein Offenbacher Bohème. „Natürlich gehen einige Absolventen nach Berlin", sagt Herkner. „Aber die Region um Offenbach ist viel finanzstärker. Außerdem finden in Frankfurt die großen Messen statt."
„Es gibt in dieser Stadt so eine Art Kreuzberg-Effekt", sagt Professor Bernd Kracke, Präsident der Hochschule für Gestaltung. „In der Hochschule liegt das Potenzial, in der Stadt sind die Freiräume. Beide profitieren voneinander." Sein größtes Projekt ist der Umzug der HfG auf das frei gewordene Hafengelände. Am alten Standort mit dem idyllischen Isenburger Schloss wird es zu eng. Nach einem Gutachten werden 5000 Quadratmeter mehr Nutzfläche benötigt. „Wenn wir jetzt nicht erweitern, bekommen wir in zehn oder fünfzehn Jahren Probleme und fallen im Wettbewerb mit anderen Hochschulen zurück", sagt Kracke. Anspruchsvoll, eigenwillig, aber überzeugend und überzeugt von der Sache.
Das Hafengelände bietet sich für das Millionenprojekt geradezu an. Es ist mit 26 Hektar Land und 6 Hektar Wasserfläche das größte und attraktivste Baugebiet in FrankfurtRheinMain – doppelt so groß wie der Frankfurter Westhafen, etwa ein Viertel so groß wie die Hamburger Hafencity. Ein Bebauungsplan ist vorhanden, die Erschließung läuft, 2010 könnte der Hochbau beginnen. Derzeit prüft die Landesregierung das Projekt Kreativ-Campus. Bald soll eine Richtungsentscheidung fallen. Fällt sie positiv aus – und das wünschen sich alle Kreativen von Henseler über Kriesche bis Hartmann und Herkner – wäre das der Big Bang für die Stadtentwicklung.
Von Martin Orth/FRM-Magazin
























