© Essay Recordings

Shantel

Der Musik-Erfinder

Wieso der Musiker mit dem Bucovina Sound aus Frankfurt international gefeiert wird.

Stefan Hantel läuft oft durch das Frankfurter Bahnhofsviertel. Aber er wird nicht erkannt, obwohl er alias „Shantel" seit Jahren einer der erfolgreichsten deutschen Musiker ist. Zumindest im Ausland, vielleicht liegt's daran. Shantel hat zahlreiche Alben veröffentlicht, unter anderem erhielt er zweifach Platin in der Türkei. Auf MTV Balkanika sind seine Songs wie „Bucovina" oder „Disko Partizani", ein Mix aus Electro und Folklore, wahre Hymnen. Kein anderer deutscher Musiker ist so oft auf Tour wie er. Über 250 Shows zwischen Istanbul und Helsinki stehen pro Jahr in Shantels Kalender. 2006 wurde er als erster und einziger deutscher Künstler mit dem BBC Award for World Music ausgezeichnet, einer der wichtigsten Preise für Weltmusik. Was ist das für eine Musik, mit der Shantel so erfolgreich ist? „Stefan Hantel hat eine neue paneuropäische Popmusik geschaffen, die überall auf der Welt verstanden wird", sagt Jean Trouillet, ausgewiesener Experte und Leiter von Shantels Label „Essay Recordings", das im Frankfurter Bahnhofsviertel zu Hause ist.

Zum Interview in den Räumen seiner Plattenfirma kommt Stefan Hantel mit Batschkapp und Schal. Im Gespräch wirkt er ganz anders als der Shantel, der das Publikum mitreißt. Eher wie ein Designer oder Grafiker – der er eigentlich werden wollte. Leise, ruhig, nachdenklich erzählt er seine Geschichte. „Ich habe in Darmstadt Kommunikationsdesign studiert und wollte Kreativ-Direktor werden. Gewohnt habe ich Ende der 1980er-Jahre in einer großen Altbauwohnung am Kaisersack direkt gegenüber vom Frankfurter Hauptbahnhof. Weil ich Geld fürs Studium brauchte, habe ich in meiner Wohnung Parties organisiert und Musikstücke produziert. Am Anfang in meinem Schlafzimmer. Wir haben gefeiert, bis das Ordnungsamt kam." Das war einkalkuliert. Der Erfolg in diesem Maße nicht. Die erste CD lief gut, schnell kamen viele Einladungen ins Ausland. „Das ging bis 2001 so. Dann wurde es Zeit für etwas anderes." Stefan Hantel reiste in die Heimat seiner Großeltern, in die Bukowina, einen Landstrich zwischen der Ukraine und Rumänien. Im Kopf hatte er mythische Geschichten dieser Vielvölkerregion.
Aber in der postsozialistischen Welt fand er nur verwaiste Städte vor. Der Mythos existierte nur noch in seiner Imagination. „Das war die Initialzündung", sagt Stefan Hantel – er fuhr zurück mit der Inspiration für seinen eigenen Stil, den Bucovina Sound. „Wo sonst, wenn nicht in dieser internationalen Stadt Frankfurt, hätte eine paneuropäische Popmusik entstehen können?" Seine Geburtsstunde erlebte das Projekt 2002 im Schauspiel Frankfurt. Dort organisierte Shantel den ersten „Bucovina Club" – seitdem sein Klangzeichen. Im Frühjahr tourte er als DJ durch europäische Clubs, im Sommer bespielt er mit dem Bucovina Club Orkestar die großen Festivals auf dem Kontinent: Montreux, Roskilde, La Rochelle. Das Heimspiel findet am 19. August 2010 im Amphitheater Hanau statt.

Martin Orth, FRM