© Ulrich Sonnenschein

Wasserhäuschen

Ein Phänomen der Region

Die Trinkhallen sind eine Frankfurter Eigenart und haben viel mehr zu bieten als Wasser

Sie hatten ihre beste Zeit in jenem Frankfurt, das sich so langsam schleicht. Das Frankfurt, in dem der Apfelwein noch nicht „Äppler“ genannt wurde. Wo Kaufhäuser noch „Ammerschläger“ oder „M. Schneider“ hießen und nicht „My Zeil“. Wo Joschka Fischer noch im Ostpark kickte. Wo ein Suhrkamp Verlag noch für eine kluge, kritische und originär Frankfurter politische Denkensart stand, die man sich in Berlin nicht mal nachzumachen traute. Und wo die Geschäfte noch züchtig um 18.30 Uhr schlossen. Allein schon deswegen waren sie in dieser überblickbaren Welt am Main überlebenswichtig: die Trinkhallen, auch Wasserhäuschen genannt. An schier jeder Ecke standen sie. Und hatten viel mehr zu bieten als Mineralwasser. Sie waren vollgestopft mit Getränken, Zigaretten, Süßigkeiten, Schnittbrot und Gewürzgurken, mit Dosenravioli, Kaffee und Waschmittel. Ich kenne eine Menge Menschen, die noch bis vor wenigen Jahren um Punkt halb sieben, also genau zum Ladenschluss, ein plötzlicher Heißhunger auf Ölsardinen, Wassermelonen, Chorizos oder Karamellpudding überfiel und die dann so lange die Wasserhäuschen abklapperten, bis sie eines mit dem ersehnten Angebot gefunden hatten. Alles teuer, aber alles da. Bis tief in die Nacht. Drinnen meist nicht sonderlich gesprächige Menschen. Davor in der Regel einige Herren mit einer Flasche in der Hand, die mit wenigen Worten, aber stets treffend über Sinn und Unsinn des Lebens philosophierten. Sie machten es Zugereisten, Zartbesaiteten oder Frauen gelegentlich schwer, den Bann des Büdchens zu brechen. Hatten sich die Zaghaften allerdings einmal überwunden, so kamen sie in der Regel gerne wieder. Für ein Päckchen Kippen, eine Flasche Bier – oder einen guten Spruch.

Inzwischen haben sich die Wasserhäuschen gewandelt. Die Herren mit der Flasche in der Hand sind weitestgehend verschwunden. Dafür sind die Menschen hinterm Tresen gesprächiger geworden. Manchmal wird man in regelrechte Beratungsgespräche verwickelt – oftmals fließend in mehreren Sprachen. Die Sachkenntnis vieler Büdchenbetreiber ist verblüffend. Von „New Yorker“ bis „Jagd und Hund“, kein Presseerzeugnis scheint ihnen unbekannt. Gleichzeitig kennen sie die Nährwerte ihrer Fünfkornbrötchen genauso gut wie die Abfahrtszeiten der U-Bahn. Außerdem haben die Wasserhäuschen ihr Repertoire erweitert, manche führen mehr Zeitungen und Fachmagazine als so mancher Bahnhofskiosk. Andere bieten frische Brötchen. Wieder andere leben von der Lottoannahme. Man hat sich spezialisiert. Geblieben ist das Stammsortiment. Von Dosenravioli bis Binding Export. Alles noch da. Eigenartigerweise. Eine Reminiszenz an die Vergangenheit? Nein. Es wird auch noch gekauft, obwohl der Supermarkt nebenan bis zehn Uhr nachts geöffnet hat und obendrein billiger ist. Das beruhigt. Denn nach dem bewährten Motto „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ sind die Frankfurter Wasserhäuschen auf dem besten Wege, an ihre große Zeit anzuknüpfen. Auch wenn sich das alte Frankfurt so langsam schleicht. Oder vielleicht gerade deswegen. Irgendwas muss ja schließlich bleiben.

Michael Herl