Dan Reynolds
Der Schriften-Designer
Warum der Amerikaner in Bad Homburg preisgekrönte Schriften gestaltet.
Man sah ihm ein wenig an, dass der Anzug nicht sein bevorzugtes Kleidungsstück ist. Aber natürlich trug Dan Reynolds ihn gerne, als er im Februar 2010 bei einem Festakt in Frankfurt am Main den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland in Gold erhielt. Es war eine kleine Sensation. Erstmals wurde eine Schrift mit dem „Preis der Preise" ausgezeichnet. Der Amerikaner hat die Schrift „Malabar" entwickelt. „Den Deutschen Designpreis als Schriftdesigner zu erhalten", sagte Reynolds bei der Preisverleihung, „ist etwas ganz Außergewöhnliches, denn mit dem Preis wird weit mehr ausgezeichnet als nur die Schrift. Durch den Award wird Schriftgestaltung in das Zentrum der Designwelt gerückt." Tatsächlich treten mit dem Preis Produkte in den Fokus, mit denen fast jeder Mensch täglich zu tun hat, über die sich aber kaum jemand Gedanken macht, geschweige denn sie als käufliches Produkt wahrnimmt. Außer Dan Reynolds und einigen wenigen anderen Menschen.
Reynolds arbeitet als Schriften-Designer und Typografie-Experte für Linotype, einen weltweit führenden Anbieter von Schriften und Schriftenlösungen. Die Firma mit Hauptsitz in Bad Homburg ist ein Tochterunternehmen der US-amerikanischen Monotype Imaging Inc. Zu den Klassikern von Linotype zählen so bekannte Schriften wie Univers, Frutiger oder Helvetica, eine der am meisten verbreiteten Schriftarten. Stolze 12000 Schriftfamilien zählt die unternehmenseigene Datenbank. Dan Reynolds hat in monatelanger Feinarbeit die „Malabar" entwickelt, eine Schrift, die für die Verwendung in modernen indischen Tageszeitungen zugeschnitten ist. „Die Arbeit", erzählt er, „fängt mit der digitalen Gestaltung eines Buchstabens an – meist ein ,a' oder ein ,n'." Auch der Weißraum der Buchstaben muss definiert werden, damit sie in jeder Kombination harmonisch aussehen. Und dann kommen noch die Schriftschnitte wie Fett, Mager und Kursiv hinzu. Parallel entwickelte Reynolds für „Malabar" auch die 600 Zeichen, die für den Zeitungssatz des indischen Schriftsystems Devanagari notwendig sind. Eine aufwendige, zeitintensive Feinarbeit.
Dan Reynolds' Arbeitsplatz ist heute in Bad Homburg. Grafikdesign hat er in den USA und Kommunikationsdesign an der Hochschule für Gestaltung Offenbach studiert. In Großbritannien, an der renommierten Universität in Reading, absolvierte er ein Masterstudium für Typeface Design und spezialisierte sich auf die Entwicklung von nicht-lateinischen Schriften. Mittlerweile gehört Reynolds zu den Jungstars der Typo-Szene. In Bad Homburg entwickelt er – in Jeans und Kapuzenpulli – eigene Schriften und ergänzt Kunden- und vorhandene Schriften. Warum die Schriftherstellung sich ausgerechnet in FrankfurtRheinMain konzentriert? „Erstens wurde der Druck mit beweglichen Lettern in Mainz erfunden", sagt Reynolds. „Frankfurt ist die Stadt der Buchmesse. In Offenbach haben die bedeutenden Schriftgießereien Gebr. Klingspor und die D. Stempel AG Typografiegeschichte geschrieben. Klingspor wurde später von Stempel übernommen, die Stempel AG ging in Linotype auf." Übrigens: Dan Reynolds stammt aus Baltimore, der amerikanischen Ostküstenstadt, in der Ottmar Mergenthaler 1886 die Linotype-Setzmaschine erfand.
Martin Orth, FRM
