© Tim Wegner

Moskau am Main

Die russische Community in FRM

Die Vorliebe der Russen für FrankfurtRheinMain hat Tradition. Schon Dostojewski verarbeitete seine Erfahrungen in der Region in dem Roman „Der Spieler“. Seit dem Mauerfall wächst die russische Community kontinuierlich an

Was denken Russen, wenn sie zum ersten Mal im Rhein-Main-Gebiet landen? „Sie sind erstaunt, dass Frankfurt so viel kleiner ist als Moskau. Und sie sind begeistert von der Lebensqualität und der Vielfalt der Region“, sagt Olga Wilms. Die 32-Jährige, in Nowosibirsk geboren, ist seit fünf Jahren in der Frankfurter Redaktion des MKVerlags tätig, des größten Verlags der heutigen Russischen Föderation. Seit einem Jahr ist sie Chefredakteurin von „Life in RheinMain“, einem neuen russischsprachigen GuideMagazin über die Region. Von den Burgen am Rhein über die Wiesbadener OldtimerRallye und die Deutsche Klinik für Diagnostik bis zum Frankfurter Weihnachtsmarkt – die Themen signalisieren, wer die Zielgruppe ist: „Neben den hier lebenden gut situierten Russen sprechen wir Geschäftsleute, Besucher und Medizintouristen an.“ Wenige sind das offensichtlich nicht. Der Verlag hat die Auflage von der ersten zur zweiten Ausgabe bereits auf 12000 Stück fast verdoppelt.

Zur Genesung nach Wiesbaden oder Bad Homburg – es ist nicht das erste Mal, dass wohlhabende Russen die Region für sich entdecken. In den letzten Jahrzehnten des Zarenreichs vergnügten sich Bürger und Adlige aus Moskau und St. Petersburg in den Kurstädten der Region. Auch Dichtern wie Turgenjew, Tolstoi oder Dostojewski und später den expressionistischen Malern war FrankfurtRheinMain eine Reise wert. Diese Hochphase hessisch-russischer Verbundenheit hat vielerorts Spuren hinterlassen. Da sind die orthodoxen Kirchen, die in Darmstadt, Bad Nauheim, Bad Homburg und – architektonisch herausragend – auf dem Wiesbadener Neroberg entstanden sind. Da ist der Roman „Der Spieler“, in dem Dostojewski seine „Pechsträhnen“ in den Casinos von Wiesbaden und Bad Homburg verarbeitete. Und da sind die Bilder von Alexej Jawlensky, die noch heute die wertvollste Sammlung im Museum der Landeshauptstadt bilden. Beendet wurde der intensive Austausch durch die Kriege. Doch mit dem Ende der Sowjetunion hat sich das Blatt wieder gewendet.

Das weiß niemand besser als Erzpriester Dimitri Graf Ignatiew. Seit mehreren Jahrzehnten hält er jeden Sonntag in der Kirche der Frankfurter russisch-orthodoxen Gemeinde St. Nikolaus den Gottesdienst. „Lange wurde unsere Gemeinde nicht größer, nur älter“, erzählt er. Heute ist die Kirche mit dem Zwiebeltürmchen in Hausen jeden Sonntag prall gefüllt. „Wir sind inzwischen eine sehr junge Gemeinde“, sagt Ignatiew. In den vergangenen 18 Jahren haben viele Bürger aus den ehemaligen Sowjetrepubliken ihre Heimat verlassen und sich in FrankfurtRheinMain ein neues Leben aufgebaut. Waren 1991 gerade mal 1183 in Frankfurt registriert, sind es heute etwa sechs Mal so viele, mehr als 10000 in der Region. Den Zuwachs merkt auch Michael Friedmann. Der Konzertveranstalter, seit 1991 wegen der zentralen Lage in Frankfurt, bringt die bekanntesten Popsänger, Kabarettgruppen sowie Ballettensembles Russlands auf deutsche Bühnen. Fast jeden zweiten Tag findet inzwischen in Deutschland oder im europäischen Ausland eine von ihm organisierte Aufführung statt – Tendenz steigend.

Zu dem starken Auftrieb der russisch-hessischen Beziehungen haben Politik und Wirtschaft aktiv beigetragen. So unterzeichneten Vertreter Frankfurts und Moskaus schon 1991 ein Kulturabkommen. 1995 schlossen die Wirtschaftsförderung Frankfurt und die Finanzagentur der Stadt Moskau eine Kooperationsvereinbarung. Der deutsch-russische Wirtschaftstag, eine Initiative von Frankfurter Großbanken, der Deutschen Börse, des Zentrums zur Förderung Ausländischer Investitionen in Russland (ZfAR) und der Wirtschaftsförderung Frankfurt am Main, hat sich zu einem Impulsgeber für die wirtschaftliche Zusammenarbeit entwickelt. Die Erfolge sind da – auf beiden Seiten: Firmen aus FrankfurtRheinMain engagieren sich auf dem russischen Wachstumsmarkt, gleichzeitig sind heute weit über hundert Unternehmen aus Russland zwischen Aschaffenburg und Wiesbaden tätig – von der Uhrenmanufaktur „Alexander Shorokhoff“ in Alzenau östlich von Hanau bis zu großen Finanzinstituten.

Wie bedeutend FrankfurtRheinMain aus russischer Perspektive ist, zeigen auch zwei andere Standortentscheidungen: Anfang 2008 hat in der Frankfurter Innenstadt zum ersten Mal ein russisches Generalkonsulat die Arbeit aufgenommen. Zwei Jahre zuvor hat die Handels- und Industriekammer der Russischen Föderation neben ihrem Büro in Berlin eine zweite Repräsentanz in Frankfurt eröffnet. „Deutschland ist damit das einzige Land auf der Welt, in dem wir mit zwei Büros vertreten sind“, sagt dessen Leiter Sergej Rodionov. Warum das? „Der Eintritt in den deutschen Markt funktioniert über das RheinMainGebiet.“ Und welchen Stellenwert hat die Region im europäischen Maßstab? „In London kaufen sich russische Milliardäre eine Villa“, erklärt Rodionov, „aber für Business ist Frankfurt viel wichtiger.“

Christian Sälzer