© Dieter Schwer

Science City Riedberg

Das neue, futuristische Wissenschaftsviertel

Ob Nobelpreisträger oder Professor des Jahres, Studierende oder Unternehmerin – sie alle treffen sich im Nordwesten Frankfurts.

Mit federndem Schritt schaut Pharmazie-Professor Theodor Dingermann bei einer Praktikumsgruppe vorbei, wünscht schnell noch einer Studentin viel Glück fürs Staatsexamen und schon steht er auf dem Dach des Biozentrums der Goethe-Universität. „Hier entspannen unsere Studenten gerne." Und das inmitten der Science City Frankfurt Riedberg, die eher für rastlosen Aufbruch steht. Im Nordwesten Frankfurts wächst ein einzigartiger Stadtteil. In direkter Nachbarschaft zum neuen Wohnviertel Riedberg blüht die Wissenschaft. Restaurants, Geschäfte, Parks entstehen neben Hörsälen, Büros, Laborräumen. Wo einst Ackerland war, legt die Universität ihre Naturwissenschaften zusammen. 5000 Studenten genießen auch die Nähe erstklassiger außeruniversitärer Institute. Nobelpreisträger Hartmut Michel forscht am Max-Planck-Institut für Biophysik, ein weiters MPI für Hirnforschung wird auf der anderen Straßenseite gebaut. Wolf Singer, Hirnforscher mit Weltruf, arbeitet keine fünf Minuten Fußweg weiter im Frankfurt Institute for Advanced Studies, kurz FIAS. Im Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie, dem FIZ, wird wissenschaftliches Know-how zu wirtschaftlichem Wachstum: Firmen entwickeln hier medizinische Lösungen für die Zukunft. Was hilft gegen Alzheimer? Welchen Nutzen bringt die Genforschung? Was passiert in unseren Körperzellen? Fragen, denen sich nicht nur das FIZ, sondern die ganze Science City stellt. Den akademischen Elfenbeinturm findet man hier nicht. Dafür Netzwerke über Institutsgrenzen hinweg, den engen Schulterschluss zwischen Wirtschaft und Wissenschaft unter internationalen Top-Bedingungen.

„Die Science City ist wie ein naturwissenschaftlicher Think Tank, in dem sowohl extrem theoretisch als auch extrem praxisorientiert gearbeitet wird. Das FIZ bietet ideale Möglichkeiten für Gründer", sagt Theodor Dingermann. Er setzt auf Anbindung an die Wirtschaftswelt. Seine besonders berufsorientierte Lehre honorierte auch das Magazin „Unicum Beruf", das ihn 2009 zum Professor des Jahres in der Kategorie „Naturwissenschaften/Medizin" kürte. Studenten auf dem Riedberg profitieren vom herausragenden akademischen Personal wie von der lockeren Campus-Atmosphäre. Der sonnendurchflutete Innenhof des Biozentrums ist ein beliebter Treffpunkt. Ebenso die neue, in kräftigen Grün- und Orangetönen gehaltene Mensa „Pi mal Gaumen". Hier stärken sich gelegentlich auch Forschende des nahen MPI für Biophysik. Wenn sie nicht gerade Membranproteine analysieren.

Diese ganz besonderen Eiweiße werden in dem Max-Planck-Institut auf Weltklasseniveau erforscht. Institutsdirektor Hartmut Michel erhielt 1988 den Chemie-Nobelpreis für die erste Strukturbestimmung eines Membranproteins. In unseren Zellen steuern die Membranproteine Prozesse wie Atmung, Nahrungs- und Arzneimittelaufnahme. „Gerade für die Medizin sind sie extrem wichtig." Professor Michel wirkt auf eine ruhige Art begeistert, wenn er über sein Lebensthema spricht. Und er ist stolz auf die Bedingungen, die ihm der Standort am Riedberg bietet. „Die Entwicklung der Science City ist außerordentlich positiv." Michel ist auch Mitglied im Exzellenzcluster Makromolekulare Komplexe, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) intensiv fördert. Das Gemeinschaftsprojekt von MPI und Goethe-Universität beschäftigt sich ebenfalls mit den lebenswichtigen Zellprozessen und bezieht noch 2010 einen Neubau auf dem Riedberg. Und im Keller des MPI für Biophysik steht seit Februar eine „europaweit einmalige Anlage. Mit dem Core Center können wir Membranproteine deutlich genauer untersuchen als bisher."
Vor allem dank der zentralen Kristallisationsanlage. Hinter unscheinbaren Metallkästen kann Hightech vom Feinsten bereits ein milliardstel Liter Proteinlösung kristallisieren. Als Kristalle lassen sich Membranproteine wesentlich besser untersuchen. Die Anlage schafft 1000 Kristallisationsprozesse in 80 Minuten‚ per Hand brauchte man 53 Stunden. Technik, die auch Studierende der Goethe-Universität nutzen. „Wenn jemand ein wissenschaftliches Problem hat, findet er in der Science City schnell Hilfe." Michel schätzt die kurzen Wege – und er bringt sich beim FIAS und beim FIZ als wissenschaftlicher Beirat ein. „Wer ins FIZ will, muss ein wirtschaftlich wie wissenschaftlich tragfähiges Konzept vorlegen. Unser Beirat aus Natur- und Wirtschaftswissenschaftlern prüft die Substanz der Geschäftsideen."

Initiiert hat den Beirat Dr. Christian Garbe. Als der hünenhafte Agrarökonom 2002 von den Gesellschaftern der FIZ GmbH zum Geschäftsführer berufen wurde, stand das Domizil des Innovationszentrums noch nicht einmal. Heute genügen wenige Schritte aus Garbes Büro und schon blickt man in einen weitläufigen Innenhof, den zehn Gebäudemodule umschließen. 300 Menschen arbeiten hier, die Büro- und Laborräume sind zu hundert Prozent ausgelastet „Wir sind hochzufrieden, auch weil wir hier noch keine Insolvenz hatten", sagt Christian Garbe. Ausgewählt werden die Unternehmen nach drei Indikationsgebieten: Entzündungserkrankungen, Erkrankungen des Zentralen Nervensystems und Proteinforschung. So entstehen Synergieeffekte innerhalb und außerhalb des FIZ. Das reizte auch die Merz Pharma. Der Mittelständler ist weltweit führend in der Demenz-Forschung, hat mit Memantine das erste Medikament zur Behandlung fortgeschrittener Alzheimer-Stadien entwickelt. Seit 2006 hat Merz seine präklinische Forschung nach und nach ins FIZ verlagert. 120 Mitarbeiter sind heute am Standort Riedberg tätig. Sie werden auch vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung profitieren, das seine Türen 2012 auf dem Riedberg öffnet.

Wie schnell sich hier die Dinge entwickeln, weiß Daniela Steinberger. Vor ein paar Jahren kurvte die Professorin und Fachärztin für Humangenetik noch mit dem Mountainbike an der Großbaustelle Riedberg vorbei. Jetzt sitzt sie in ihrem Büro im Erdgeschoss des FIZ-Gebäudes und spricht über die Zukunft der Genforschung. Als Geschäftsführerin der bio.logis GmbH bieten Steinberger und ihre 24 Mitarbeiter Medizinern kostengünstige und schnelle Analysen von Genproben. So erhalten die Ärzte und ihre Patienten bessere Entscheidungsmöglichkeiten, etwa bei der Behandlung von Diabetes und Mukoviszidose. In den nächsten Monaten will bio.logis seinen Service Privatkunden direkt anbieten. Erst im August 2009 ist die Firma ins FIZ eingezogen, zuvor wurde Steinberger intensiv von Christian Garbe und seinem Team beraten. Daniela Steinberger schwärmt von dem „inspirierenden Umfeld", das FIZ und Science City bieten. „Hier ist Realität geworden, was ich mir zu meiner Studienzeit als Traum-Campus vorgestellt habe."

Die Studentinnen und Studenten der Frankfurt International Graduate School for Science müssen nicht mehr träumen. Im leuchtend roten, von der Stiftung Giersch finanzierten Bau des FIAS reflektieren sie gemeinsam mit hochkarätigen Dozenten über Fragestellungen von Biologie, Chemie, Neurowissenschaften und Physik. Für jeden der derzeit 43 Doktoranden ist jeweils ein Wissenschaftler von FIAS und Goethe-Universität zuständig. „Die Nachwuchsförderung ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit", sagt FIAS-Gründungsdirektor Wolf Singer. In seinem Büro im alten Max-Planck-Institut für Hirnforschung am Mainufer stapelt sich die Fachliteratur. Ein klassisches Gelehrtenzimmer. Aber Professor Singer ist Avantgarde, treibt auch mit dem FIAS die Hirnforschung zu neuen Höhen. In dem innovativen Institut will er mit System-Neurowissenschaft ergründen, wie es unser Gehirn schafft, Myriaden von Informationen und Signalen zu verarbeiten. Es geht um nicht weniger als die Frage, wie unsere Gefühle und Gedanken entstehen. „Wir haben grundsätzlich in den Naturwissenschaften enormes Detailwissen angesammelt. Wir müssen aber nicht zuletzt in der Erforschung des Gehirns komplexe mathematische Verfahren anwenden, um in den riesigen Datensätzen überhaupt noch Muster zu finden." Die FIAS-Wissenschaftler helfen sich mit Rechnerleistung und nutzen bei ihrer interdisziplinären Arbeit auch das Können der ebenfalls im Institut ansässigen Computerwissenschaftler. „Die extrem datennahe Beschäftigung mit biologischen Systemen ist in meinen Augen ein weltweites Alleinstellungsmerkmal des FIAS", betont Singer – und hofft, dass der hohe Standard gehalten werden kann. Bereits 2003 als Stiftung von der Goethe-Universität gegründet, finanziert sich das FIAS nach wie vor in einem hohem Maß durch die Unterstützung privater Gönner. Doch Singer ist guter Dinge, was den Standort Frankfurt anbelangt: „Die großzügige, private Förderung der Wissenschaft hat hier Tradition. Ich kann mir auch vor diesem Hintergrund keinen besseren Ort als Frankfurt für das FIAS vorstellen."

Johannes Göbel/FRM-Magazin