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Hochburg der Stiftungen

Starkes Engagement für eine vitale Bürgergesellschaft

FrankfurtRheinMain ist ein Paradebeispiel dafür, wie Stiftungen in einer Stadtgesellschaft wirken können.

Warum genau Johann Christian Senckenberg am 15. November 1772 vom Baugerüst des noch unvollendeten Bürgerhospitals stürzte, wird wohl niemals ganz ermittelt werden. Als gesichert jedoch darf gelten, dass die traurigen Lebensumstände des 1707 geborenen Mediziners für seine Heimatstadt Frankfurt ein Glücksfall waren: Dreimal war er verheiratet, dreimal wurde er Witwer, und auch seine Kinder starben im Säuglingsalter. In „Ermangelung ehelicher Leibes-Erben" stiftete Senckenberg 1763 sein Vermögen zum Zweck der „besseren Gesundheits-Pflege hiesiger Einwohner und Versorgung der armen Kranken". Zunächst dienten die Zinsen des 95000 Gulden betragenden Stiftungskapitals dem Unterhalt des umgewidmeten Wohnhauses Senckenbergs, doch wurde das zentral gelegene Stiftshaus durch ein Gebäude mit Gartengelände am Stadtrand mit einem anatomischen Theater, einem chemischen Laboratorium und einem botanischen Garten mit Gewächshaus ersetzt. So errichtete er der „Wissenschaft einen Tempel" und eröffnete zugleich dem zuvor auf soziale Bereiche festgelegten Stiftungswesen ein neues Betätigungsfeld. Wie viele der großen historischen Stiftungen wirkt Senckenbergs Lebenswerk bis heute fort: „Meine Stiftung wird von hier aus gute Leute machen, auch gute auswärtige herbeiführen und hiesige zum Nacheifern bringen, mir zur Freude, da alles darauf abzielt, dass der Stadt in medicis wohl gedient werde."

Das Beispiel Johann Christian Senckenbergs zeigt, wie unverzichtbar Stiftungen für eine funktionierende, lebendige Stadtgesellschaft waren und sind. Die Geschichte der Freien Reichsstadt Frankfurt ist ohne das vielfältige Wirken zahlloser Stifter nicht denkbar. In nur wenigen anderen Städten haben Bürger das Gedeihen ihrer Stadt so aktiv gestaltet wie in Frankfurt, wo derzeit Stiftungen mit einem Stiftungsvermögen von mehr als 5 Milliarden Euro und Ausschüttungen von über 130 Millionen Euro aktiv sind. Frankfurt ist neben Hamburg die Stadt mit den meisten Stiftungen, was in beiden Fällen vom hohen Anteil durch Handel zu Vermögen gekommenem Bürgertum herrührt. Über 160 Stiftungen in Frankfurt widmen sich Wissenschaft und Forschung, mehr als 100 sind auf sozialem Gebiet tätig, 60 haben sich der Kulturförderung verschrieben, 53 der Bildung und Erziehung. Die älteste Frankfurter Stiftung, das Hospital zum Heiligen Geist, geht auf das Jahr 1208 zurück; auch Stiftungen wie das Weißfrauenstift oder St. Katharinen sind nahezu 800 Jahre alt. Die sechs großen „öffentlich-mildtätigen" Stiftungen Frankfurts, der Allgemeine Almosenkasten, das Hospital zum Heiligen Geist, das St. Katharinen- und Weißfrauenstift, die Stiftung Taubstummenanstalt, das Wiesenhüttenstift und die Stiftung Waisenhaus von 1679 sind rechtlich selbständig, aber personell mit der Stadt verbunden. Lange bevor staatliche und städtische Institutionen diese Aufgaben wahrnahmen, haben sich diese Stiftungen, zu denen auch noch die 1753 errichtete Cronstett- und Hynspergische evangelische Stiftung sowie die Stiftung für Blinde und Sehbehinderte von 1837 zählen, der Hilfe für Arme, Kranke und Schwache der Stadtgesellschaft gewidmet. „Wir ruhen auf dieser Geschichte", sagt Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, über die reiche Stiftungstradition.

Oftmals waren, wie auch im Falle Senckenbergs, die Lebenserfahrungen und Lebensumstände, Anlass für die Stifter, ihr ererbtes oder erarbeitetes Vermögen einem guten Zweck zuzuführen. So erfuhr Peter Harry Fuld, 1921 in Frankfurt als Sohn des Gründers der Deutschen-Privat-Telefongesellschaft Fuld geboren, während seiner Exilzeit in England und Kanada zahlreiche Diskriminierungen als Jude und beobachtete zudem während seines Studiums das Schicksal farbiger Kommilitonen. Sensibilisiert für menschliches Leid und Benachteiligung aus ethnischen Gründen brachte er sein Vermögen in die Peter Fuld Stiftung ein, die diskriminierte und begabte Jugendliche in Frankfurt unterstützt. Auch die Frankfurter Sozialwissenschaftlerin Mechthild Veil setzt ihr persönliches Engagement gegen die Benachteiligung von Frauen in der von ihr erst vor wenigen Jahren gegründeten Stiftung Frauen in Europa um. Zweck der Stiftung ist es, die Forschung über die Rolle der Frau im zivilgesellschaftlichen Prozess der Einigung Europas zu fördern. Die Stiftung fördert Symposien, Kolloquien und Seminare, fördert Forschungsarbeiten und vergibt Stipendien. Die Liste ließe sich fast endlos fortführen. Denn Stiftungen haben, wie Roland Kaehlbrandt erläutert, „ein großes Gespür für die Grundprobleme der Gesellschaft entwickelt und gehen die Probleme an, die sie für relevant halten". Im Falle der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, deren Kapital aus dem Verkaufserlös der Frankfurter Sparkasse besteht, bedeutet dies die Förderung von jungen Familien, von Mitbürgern mit Migrationshintergrund sowie von Bildung, Wissenschaft und Verantwortung. Vor allem die Bildung haben die Stiftungen früh als eminent wichtiges Gegenwartsthema und förderungswürdige Gemeinschaftsaufgabe erkannt und mit ihren Mitteln zahlreiche Initiativen entfacht. Doch wäre es falsch, die Arbeit der Stiftungen auf den Ausgleich der Defizite zu reduzieren, die in Zeiten klammer kommunaler Kassen entstanden sind. Im Mittelpunkt steht die Fortentwicklung der Bürgergesellschaft, und das bedeutet die Teilhabe möglichst vieler Menschen an der Stadtgesellschaft, die Stiftungen verstehen sich hier als Partner des Stadtraums. Dies gilt vor allem für jene Stiftungen, die wie die Stiftung Polytechnische Gesellschaft lokal agieren.

Regional tätig ist dagegen die 2004 gegründete Stiftung Citoyen, die die Förderung von Jugend- und Altenhilfe, Erziehung, Bildung, Wissenschaft, Forschung, Umwelt- und Naturschutz in der Region zum Ziel hat. Bundesweit ausgerichtet ist hingegen die Karg Stiftung für Hochbegabtenförderung. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern und Jugendlichen, die zu den Hochbegabten gehören, eine Ausbildung zu ermöglichen, die ihren überdurchschnittlichen Fähigkeiten entspricht. Zur Verwirklichung ihrer Ziele realisiert sie einerseits eigene Konzepte und unterstützt andererseits Institutionen und Projekte Dritter. Die Karg Stiftung will vor allem dazu beitragen, dass Eltern, Erzieherinnen, Lehrkräfte und Psychologen die Hochbegabungen ihrer Kinder so früh wie möglich erkennen und zielgerichtet fördern lernen. Die von dem Ehepaar Adelheid und Hans-Georg Karg 1989 ins Leben gerufene Stiftung ist zudem ein Beispiel dafür, wie private Initiative aktiv werden kann, während die Politik, wie im Falle der Hochbegabtenförderung, das Thema eher meidet.

Dr. Ingmar Ahl, bei der Karg-Stiftung für die Projekte verantwortlich, nennt eben deshalb vor allem „Unabhängigkeit, Flexibilität und finanzielle Möglichkeiten" als großen Vorzug von Stiftungen: „Stiftungen können dort konkret, unbürokratisch und schnell aktiv werden, wo Institutionen der Städte oder der Länder nicht oder nur unter Schwierigkeiten vorankommen." Trotz der bundesweiten Ausrichtung, bekennt sich jedoch auch Ahl zu Frankfurt und zur Region: „Auf allen Ebenen findet Kooperation statt. Wichtig ist dabei: Wie kann man nachhaltig wirken? Das jeweilige Projekt ist dabei nur das Werkstück, es gibt den Themen ein Gesicht."

Ein gelungenes und sehr greifbares „Gesicht" hat das im Frankfurter Nordend gelegene Holzhausenschlösschen, das die Stadt Frankfurt der 1989 gegründeten Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen für einen symbolischen Mietpreis zur Nutzung überließ. Heute, zwanzig Jahre nach der Gründung, blickt Geschäftsführer Clemens Greve stolz auf das Geleistete zurück. Das Holzhausenschlösschen ist zu einem lebendigen Ort der Kulturpflege geworden, dort finden Lesungen, Konzerte und Theateraufführungen sowie zahlreiche Veranstaltungen für Kinder statt. Die Stiftung vergibt Forschungsaufträge zur Erforschung der Stadtgeschichte und veranstaltet Ausstellungen, die sich mit der Stadt- und Bürgergeschichte befassen. „Wir sind mit 200 eigenen und 126 Gastveranstaltungen das ganze Jahr über aktiv", berichtet Greve. Alle zwei Jahre treffen sich die in der Initiative Frankfurter Stiftungen e.V. zusammengeschlossenen Stiftungen überdies zum Frankfurter Stiftungstag, einer Art „Leistungsschau" der Stiftungen. Ohnehin aber wird Zusammenarbeit untereinander großgeschrieben. Dies gilt für die Stiftungen untereinander wie aber auch für die zahlreichen Partnerschaften mit anderen Institutionen in der Stadt. „Man kennt sich, man vertraut sich", bringt Kaehlbrandt diese von einem großen Gemeinschaftsgefühl in einer „Stadt voller guter Taten" getragene Haltung auf den Punkt.

Doch obwohl Frankfurt als Stiftungsmetropole par excellence die vitale Stiftungslandschaft in der Region dominiert, müssen sich die anderen Städte und Landkreise keineswegs verstecken. Die Großstädte in FRM schneiden im Vergleich der deutschen Städte über 100000 Einwohner sehr gut ab. Frankfurt, Mainz und Darmstadt sind unter den ersten zehn, Wiesbaden und Offenbach immerhin unter den fünfzig wichtigsten Stifterstädten der Republik.

Neben der Quandt-Stiftung in Bad Homburg, der Software AG-Stiftung oder der Schader-Stiftung in Darmstadt (wo zahlreiche Wissenschafts-Stiftungen ihren Sitz haben) sind in Mainz die bundesweit wirkende Stiftung Lesen ansässig sowie zahlreiche Dependancen der politischen Stiftungen wie die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Heinrich-Böll-Stiftung oder die Konrad-Adenauer-Stiftung. Die vor wenigen Jahren gegründete Mainzer Bürgerstiftung finanziert gemeinnützige Vorhaben im Bereich Denkmal- und Umweltschutz, Sport, Bildung und Erziehung, Wissenschaft, Kunst und Kultur, wozu in Mainz traditionsgemäß auch die Erforschung und Bewahrung der Mainzer Fastnacht zählt. Auch die 2003 ins Leben gerufene Bürgerstiftung Wiesbaden-Stiftung ist eine Gemeinschaftsstiftung der Wiesbadener Bürgerinnen und Bürger für ihre Stadt und Region. Sie will dem Gemeinwohl dienen und das Gemeinwesen nachhaltig stärken.

Alle diese Stiftungen sind die höchst vitale Widerlegung des gängigen Vorurteils, die Gesellschaft falle auseinander und rufe bei jedem Problem nach „Vater Staat". Die Zunahme der Stiftungen im vergangenen Jahrzehnt, allein im Jahr 2003 gab es in Deutschland so viele Stiftungsneugründungen wie in den ganzen 1970er Jahren, berichtet Roland Kaehlbrandt, beweist vielmehr ein hohes Bewusstsein vieler Bürger für den Wert unseres Gemeinwesens und für die beständige Notwendigkeit, es zu pflegen und weiterzuentwickeln.

Matthias Bischoff