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Literaturcluster

Die Literaturszene in FRM

Im Zeichen von Goethe, Gutenberg und den Brüdern Grimm sorgen die Buchmesse, Verlage und Autoren für viel Bewegung in einem der stärksten Epizentren der Literatur.

Wir befinden uns an einer der ehrwürdigsten und wesentlichen Stätten geistig-nationaler Überlieferung." So schrieb und sprach Thomas Mann aus Anlass der Einweihung des erweiterten Goethe-Museums im Jahre 1932. Und in der Tat darf man ungeachtet der gewiss gleichrangigen Weimarer Wohnstätten den Frankfurter Großen Hirschgraben das Epizentrum der deutschen Literatur nennen. Als Thomas Mann am Vorabend der dunkelsten Epoche der deutschen Geschichte das Land Preußen und die Stadt Frankfurt ermahnte, „Not und Verfall der Zeit, so weit es irgend in ihren Kräften steht, vom Frankfurter Goethehaus fernzuhalten", blieben noch zwölf Jahre, ehe die Katastrophe über Frankfurt hereinbrach: Bereits im November 1943 zerstörten Bombenangriffe den Dachstuhl des Hauses, und im März 1944 wurden große Teile der Frankfurter Altstadt und damit auch das Geburtshaus Goethes dem Erdboden gleichgemacht. Ernst Beutler, der damalige Leiter des „Freien Deutschen Hochstifts", hatte vorausschauend das Mobiliar ausgelagert und bis in die Details den Baustand vor der Zerstörung dokumentiert. Seinem Wirken während des Krieges und seinem Engagement für den rekonstruierten Wiederaufbau ist es zu verdanken, dass heute Touristen aus aller Welt in das Haus am Großen Hirschgraben pilgern können. Seine Umsicht ermöglicht es uns, in diesem Ort die Aura der Goethezeit zu spüren. Wer über die Schwelle des Hauses tritt, darf sich für den Augenblick im Mittelpunkt des literarischen Kosmos fühlen.

Natürlich ist es Goethe und immer wieder Goethe, der in und um Frankfurt an zahllosen Orten die Grundierung, den Hintergrundton der literarischen Landschaft FrankfurtRheinMain ausmacht. Aber auch die aus Frankfurt hinaus nach Bad Homburg führenden Wanderungen des seine Diotima anbetenden Hölderlin, die Bewegungen der romantischen Frauen und Männer um die Familien Arnim und Brentano setzen immer neue Landmarken literarischen Gedenkens. Wäre die Stadt Mitte des 19. Jahrhunderts in einen Dornröschenschlaf versetzt worden, hätte sie die Entwicklung zu einer Großstadt mit Industrie, über die alten Stadtmauern hinauswachsenden Villen und Gründerzeitvierteln nicht mitgemacht, ginge man heute in ihr umher wie in einem literaturseligen Rotenburg ob der Tauber, ein Hochamt der deutschen Klassik und Romantik.

Man muss nicht traurig sein, dass es ganz und gar anders gekommen ist und FrankfurtRheinMain ein überaus lebendiger Literaturmittelpunkt geblieben ist, woran auch die nach der Wiedervereinigung entstandene Sogwirkung Berlins nichts geändert hat. Viele Autoren leben in der Region, Martin Mosebach, Matthias Altenburg alias Jan Seghers, Eva Demski, Bodo Kirchhoff, Alissa Walser in Frankfurt, Peter Härtling in Mörfelden, Jens Schumacher in Mainz – um nur einige wenige zu nennen. Und niemand in FrankfurtRheinMain hat Grund, scheel in Richtung Berlin zu blicken. Schließlich waren die Städte an Main und Rhein nahezu ein halbes Jahrhundert lang Nutznießer der politischen Teilung Deutschlands, die vielen Institutionen, Stiftungen und Verbände, die sich nach dem Krieg hier niederließen, kamen etwa aus Berlin, Leipzig, Dresden und machten aus Frankfurt die neben München wichtigste Buch- und Buchhandelsstadt des deutschen Sprachraums. Dafür sorgten zuallererst der S. Fischer Verlag sowie der aus ihm entstandene Suhrkamp Verlag. Während bei S. Fischer zunächst das literarische Erbe der klassischen Moderne dominierte, wuchs Suhrkamp zu jener Institution heran, die das geistige Leben der alten Bundesrepublik vier Jahrzehnte lang entscheidend prägte, ja beherrschte. Die „Suhrkamp-Kultur" stand viele Jahre lang synonym für deutschsprachige Gegenwartsliteratur – die Lindenstraße im Westend war die Zentrale der Nachkriegsliteratur. Und einige der kleineren Verlage, die in und um Frankfurt ihren Sitz haben, sind durch Abspaltung (bisweilen durchaus im Streit) aus den beiden Großen Suhrkamp und Fischer hervorgegangen. Nach Jahren als Lektor bei Fischer gründete Vito von Eichborn bereits 1980 seinen eigenen Verlag, Joachim Unseld übernahm nach seiner Trennung vom Vaterhaus die „Frankfurter Verlagsanstalt", Lektor Rainer Weiss gründete vor wenigen Jahren Weissbooks. Aber auch der Schöffling Verlag, der Stroemfeld Verlag, der Axel Dielmann Verlag und andere zählen zu jenen feinen Adressen, ohne die die literarische Landschaft um einiges ärmer wäre.

Und schließlich residiert nicht zufällig in unmittelbarer Nachbarschaft zum Goethe-Haus im Großen Hirschgraben der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, 1948 vom 1825 in Leipzig gegründeten Börsenverein abgespalten, seit 1990 wieder gesamtdeutsch. Als Dachverband sämtlicher deutscher Verlage, Buchhändler und Auslieferer ist der Börsenverein Hirn und Herz der Buchbranche, er ist die schlagkräftige Lobby der Bücherwelt. Mit dem „Deutschen Buchpreis" ist es ihm zudem gelungen, das lange vermisste Pendant zum britischen Booker Prize oder dem Prix Goncourt zu schaffen. Wer den Titel „Bester deutschsprachiger Roman des Jahres" zugesprochen bekommt, für den ist das Preisgeld von 25000 Euro nur ein geringer Teil des Lohns: Hohe Auflagen, internationale Aufmerksamkeit und Übersetzungen sind ihm gewiss; der Deutsche Buchpreis hat sich binnen kürzester Zeit als wichtigste deutsche Auszeichnung für ein Einzelwerk etabliert. Während der auf die Preisverleihung folgenden sechs Buchmesse-Tage ist Frankfurt dann tatsächlich der Mittelpunkt der literarischen Welt. In einem der nobelsten Hotels der Stadt, dem Frankfurter Hof, kann man während der Messe die nicht-geistige, die ökonomische Kehrseite der Literatur erleben. Nirgendwo sonst wird der Warencharakter der Literatur begreifbarer; hier wird der ansonsten leise summende Motor der Bücherwelt hörbar, und zartere Gemüter tun sich oft schwer damit anzuerkennen, dass das Gebaren der Agenten und Lektoren unverzichtbar zu einem vitalen Literaturbetrieb gehört.

Wiederum nur wenige hundert Meter vom „Frankfurter Hof" entfernt findet am Morgen des Buchmessesonntags dann die Hohe Messe des Literaturfestes Buchmesse statt. Schauplatz der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ist die Paulskirche. Wer zu den Auserwählten zählt, die zur Preisverleihung geladen werden, findet sich unter den Spitzen des Staates wieder, die hier ihre Verbundenheit mit der Literatur zeigen. Doch nicht allein dadurch wird die Paulskirchenrede zum Politikum. Wer hier spricht, darf gewiss sein, dass seine Worte weltweit Gehör finden, und nicht selten, wie etwa in der skandalumwitterten Rede Martin Walsers 1998 oder beim bewegenden Auftritt Saul Friedländers 2007 werden die Anwesenden zu Zeugen bedeutender Ansprachen, Marksteine im geistigen Leben nicht nur der Bundesrepublik.

Während alle Welt die große Frankfurter Buchmesse kennt, wissen nur wenige um ein anderes Buch-Event, das seinerseits das größte seiner Art im deutschen Sprachraum ist: Über 300 Aussteller kommen alle zwei Jahre zur „Mainzer Mini-Pressen-Messe", nur wenige hundert Meter entfernt vom Gutenberg-Museum, das auf ganz andere Weise als das Goethehaus im Hirschgraben ein Epizentrum nicht nur der deutschen, ja der Literatur der ganzen westlichen Welt ist. Ohne Buchdruck mit beweglichen Lettern keine Bibeldrucke, ohne Bibeldrucke keine maßstabsetzende Verbreitung der Lutherbibeln und damit einer Sprachnorm für die gesamte deutsche Sprache, ohne Buchdruck keine Verlagsindustrie.

In Mainz wurde der Buchdruck erfunden. Die Frankfurter hingegen erfanden das Stadtschreiberamt. Mittlerweile gibt es viele Orte, die für ein ganzes Jahr einem Autor Logis zur Verfügung stellen und mit einem ansehnlichen Deputat versorgen. Übrigens seit 1984 auch Mainz, wo derzeit Josef Haslinger die Stadtschreiberwohnung nutzt. Das Anrecht auf das Original aber hat Frankfurt-Bergen-Enkheim, hier oben wurde das Stadtschreiberamt 1974, als Bergen noch gar nicht zu Frankfurt gehörte, erfunden. Wenn Thomas Rosenlöcher, der gegenwärtige Stadtschreiber von Bergen, ein paar Schritte hinter seinem Stadtschreiberhäuschen in die Streuobstwiesen des Berger Hangs spaziert, liegt ihm im wortwörtlichsten Sinne die Region zu Füßen. Von hier aus wird FrankfurtRheinMain als zusammenhängender Naturraum erkennbar, am südlichen Rand begrenzt durch den Odenwald, im Osten durch die Hänge des unterfränkischen Spessarts. Hätte Darmstadt eine mit Frankfurt vergleichbare Skyline, ließe sich von hier aus bei guter Sicht der Südrand der Region ausmachen. Und dort, in Darmstadt, ist gleichsam der Olymp der deutschen Literatur. Einmal im Jahr, als Höhepunkt der Herbsttagung der 1949 gegründeten Deutschen Akademie für Dichtung und Sprache, wird hier der wichtigste deutsche Literaturpreis, der Büchner-Preis, verliehen. Im Großen Haus des Darmstädter Staatstheaters versammelt sich alljährlich Ende Oktober die Elite des deutschen Literaturbetriebs. Neben dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gehen von dieser Preisverleihung entscheidende Impulse für das literarische Leben der Bundesrepublik, Österreichs und der Schweiz aus – im allerbesten Fall werden hier Trends und Standortbestimmungen für die nächsten Jahre geliefert.

Ohnehin ist die Preisdichte in FrankfurtRheinMain beeindruckend: Wer sich aufmacht, all die literarischen Aktivitäten und Initiativen, die Menschen und die Institutionen, die die literarische Szene ausmachen, zu erkunden, kommt kaum an ein Ende. Die schiere Menge ist ebenso beeindruckend wie erdrückend und wird, bezieht man noch die Universitäten und Fachverlage, die Bibliotheken, Literaturhäuser und Medien mit in die Betrachtung ein, nachgerade uferlos. Letztendlich ist das Schreiben aber immer ein einsames Geschäft. Die romantische Vorstellung von Dichtern im Café oder disputierenden Denkern in literarischen Salons ist passé. Literarisches Leben heute ist die Summe all dessen, was in den Schnittmengen zwischen Kreativen, Verlagen, Akademien, Kulturdezernaten, Festivals, Messen, Institutionen und nicht zuletzt den hier zeitweise oder ständig lebenden Autoren und einer interessierten Öffentlichkeit geschieht. In diesem Sinne blüht die Literatur in FrankfurtRheinMain wie kaum an einem anderen Ort.

Matthias Bischoff