Daniel Cohn-Bendit
Über Internationalität in FRM
Ein FRM-Gespäch mit dem populären Politiker über Frankfurt, seine Stärken und Chancen
Als jemand, der wie kein Zweiter aus der Region in und für Europa tätig ist – wie wird Frankfurt aus Ihrer Sicht international wahrgenommen? Wie blickt man von Brüssel, Straßburg, London oder Paris auf FrankfurtRheinMain?
Frankfurt wird in erster Linie wahrgenommen durch die Europäische Zentralbank, die so etwas wie ein europäisches Wahrzeichen ist. Das Zweite ist der Frankfurter Flughafen. Das sind die beiden Fixpunkte in der europäischen Öffentlichkeit. Für bestimmte Gruppen spielt auch die Buchmesse eine wichtige Rolle.
Wie erklären Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen im EU-Parlament Ihre persönliche Verbundenheit zu Frankfurt?
Erst einmal lebt man ja nicht primär in einer Stadt, sondern man lebt in einem Lebenszusammenhang. Für mich hat dies viel mit meiner Geschichte zu tun, meiner Ehe, meinem Kind, meinen Beziehungen, meinen Freunden. Ich meine: Irgendwann hat mich das Leben hierher verschlagen, es hat mir hier gefallen, ich habe mich hier verliebt und lebe hier. In diesem Beziehungsnetzwerk finde ich in Frankfurt sehr angenehme Lebensmöglichkeiten.
Kann Frankfurt für jemanden, der hierher kommt, Heimat werden?
Heimat ist für mich ein schwieriger Begriff und – wie er in Deutschland manchmal quasi vor sich her getragen wird – sehr fremd. Frankfurt kann man liebgewinnen, das auf alle Fälle. Man fühlt sich wohl in Frankfurt. Irgendwann geht einem vielleicht das Provinzielle auf die Nerven – aber natürlich habe ich Frankfurt liebgewonnen.
Liebgewonnen ist nicht identisch mit Heimat.
Nein, natürlich nicht. Für mich hat dieses Gefühl mehr mit Menschen und bestimmten Orten zu tun als mit urbanen Zuweisungen. Bei meinem Sohn ist das schon anders. Er ist hier geboren. Für ihn ist Frankfurt Heimat. Insgesamt gibt es in Deutschland ja ein starkes Regional- oder Lokalbewusstsein. Man setzt sich gern ab von den andern, die Bayern beispielsweise vom Rest der Bundesdeutschen. Insofern ist es für einen in Frankfurt lebenden Türken auch leichter, sich als Frankfurter zu definieren, denn als deutscher Türke.
In Frankreich, den Niederlanden, auch in Berlin ist die Gettoisierung von Menschen mit Migrationshintergrund evident. Wie hat es die Region hier geschafft, ein gesellschaftliches Klima zu entwickeln, das zwischen all diesen enormen Spannungsfeldern ausgleichend wirkt?
Da ist manches auch in Frankfurt von Stadtteil zu Stadtteil unterschiedlich, und man sollte nicht unterschätzen, dass auch in Frankfurt jugendliche Türken Schwierigkeiten haben. Aber sicher ist, dass man in Frankfurt nicht mehr nur eine „Apfelwein-Identität“ haben muss, um angenommen zu werden. Das hat viel mit dem zu tun, was politisch für die Integration getan wurde. Aber generell ist richtig: Die hohe Anzahl von Ausländern schützt alle. Man fühlt sich als Ausländer nicht fremd, einfach weil so viele andere Fremde da sind. Dadurch wird sozusagen auch das Verhältnis zwischen den Eingeborenen und den Fremden klar definiert. Es gibt so viele Fremde, dass alle das Gefühl haben, der Fremde gehöre dazu.
Von Richard Florida, dem amerikanischen Soziologen, stammt die These von den 3 Ts: Florida hat gezeigt, dass besonders Städte und Regionen für kreative Menschen interessant sind, in denen neue Technologien, Talent und gesellschaftliche Toleranz in hohem Maße vorhanden sind. Wie sind, Ihrer Meinung nach, diese drei Attribute für Frankfurt RheinMain vorhanden?
Talent ist natürlich relevant und vorhanden. Und dass die neuen Technologien eine unheimliche Kreativität nach sich ziehen, ist klar. Gleichzeitig sind sie heute fast überall vorhanden. Ich meine aber, Florida unterschätzt die soziale Komponente. Ich glaube zum Beispiel, dass eine Stadt, die in einer hohen sozialen Spreizung zwischen Arm und Reich lebt, auf Dauer nicht so produktiv sein kann. Eine Stadt ist für mich kreativ und in Bewegung, wenn die soziale Mobilität real ist - wenn zum Beispiel Schulen als soziale Aufstiegsleitern funktionieren. Das ist hier nur begrenzt der Fall und deshalb hat Frankfurt sein Kreativitätspotenzial noch nicht voll ausgeschöpft; dazu müsste es sozial dichter sein. Es gibt zum Beispiel Talente bei jugendlichen Migranten, die ohne Förderung nicht einfach so entdeckt werden.
Was macht in Ihren Augen die Qualität einer Stadt, einer Metropolregion der Zukunft aus?
Damit die Lebensgrundlagen stimmen, muss eine Stadt erst einmal die ökologischen Gefahren meistern. Das ist sehr schwierig, weil die ökologische Stadt einen völlig anderen Umgang mit Verkehr, mit Lärm, mit dem CO2-Ausstoß verlangt. Die Stadt von morgen ist aber auch eine Stadt, die Solidarität und Freiheit miteinander verbinden kann. Dass es einen Gemeinsinn gibt, der jeden Schwachen beschützt, und es gleichsam auch eine Freiheit gibt, die jedes Talent, jede Initiative ermöglicht, das gehört zu den Merkmalen der Stadt von morgen.
Hat Frankfurt dafür gute Voraussetzungen?
Frankfurt hat gute Voraussetzungen, wenn es bestimmte Probleme löst. Die guten Voraussetzungen sind, dass Frankfurt eine ganz interessante Mischung aus Stadt und Dorf ist. Das Dorf kann Geborgenheit geben und die Stadt kann die Freiheit der Anonymität geben. Das ist eine positive Sprengkraft und Qualität.
Hat angesichts der globalen Herausforderungen wie Klimawandel und Finanzkrise die lokale und regionale Dimension eigentlich noch ihren Platz auf der europäischen Bühne?
Alle Verhaltensänderungen, die notwendig sind, um die ökologische Krise zu meistern, werden in den Städten zu lösen sein. Es gibt da keinen Widerspruch zwischen dem, was man global angehen muss und der notwendigen Dimension des Handelns auf der städtischen, der urbanen Ebene.
Obwohl es ja immer heißt, Europa sei weit weg…
Das ist so eine Floskel, die sich eingebürgert hat, dass Europa weit weg sei. Das ist aber widersinnig. Zunächst lebt man nicht in „der“ Welt. Man lebt in viel kleineren Zusammenhängen, als man denkt. Und trotzdem ist Europa in Frankfurt. Wenn man zum Beispiel in Paris ist, dann ist Paris mitten in Europa. Und wenn man in Frankfurt ist, dann ist Frankfurt mitten in Europa. Man kann da nicht sagen: Frankfurt ist weit weg.
Das Gespräch führte Françoise Gibert/FRM-Magazin