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Frank Schirrmacher

Über die Potenziale von FRM

Ein FRM-Gespräch mit dem F.A.Z.-Mitherausgeber über den Wettbewerb der Regionen und die Zukunft der Städte.

Herr Schirrmacher, die Frankfurter Allgemeine Zeitung trägt den Namen der Stadt in die Welt. welche Rolle spielt diese „Verortung" heute noch?

Der Name der Zeitung hat sich natürlich von Frankfurt gelöst, trotzdem ist die Verbindung wichtig, weil die Stadt im logistischen und finanziellen Mittelpunkt des Landes liegt. Ich glaube, dass die Zeitung mit dem Namen auch die große Tradition der „Frankfurter Zeitung" fortsetzt, die für eine liberale, kosmopolitische Stimme in der Welt stand. Das steckt bis heute mit in dem Titel. Uns stört die Assoziation mit der Stadt auch überhaupt nicht, denn es lässt sich nicht bestreiten, dass Frankfurt die Stadt der Buchmesse, die Stadt bedeutender Verlage und einer der wichtigsten Finanzplätze ist.

Ergibt sich aus dem Namen auch eine gewisse Loyalität gegenüber der Region?

Die Frankfurter Allgemeine hat die größte gleichmäßige Verbreitung in ganz Deutschland und die größte Auslandsverbreitung. Das unterscheidet sie von anderen überregionalen Tageszeitungen. Wir haben eine starke Loyalität zur Region, zum Flughafen, zur Bankenwelt – in dem Sinn, dass sie wichtige Elemente des Landes sind. Auch das Symbolische spielt eine Rolle: Frankfurt als Ort der Paulskirche, als frühere freie Reichsstadt, in der der Begriff der Unabhängigkeit sehr groß geschrieben wird. Wir müssen unsere Loyalität aber – und das versuchen wir zum Beispiel durch unser großes Korrespondentennetz – allen wichtigen Regionen zuwenden.

Sie sind in Wiesbaden geboren und aufgewachsen. Wie eng ist Ihr Bezug zur Region FrankfurtRheinMain?

Wiesbaden ist für mich eine der schönsten Städte in Deutschland. Ich mag auch den Rheingau sehr. In Frankfurt kann man sehr gut und effizient arbeiten. Ich bedaure aber, dass sich die Durchdringung der Stadt mit all den verschiedenen Menschen, die hier am Tag hereinströmen, abends oder am Wochenende nicht hält. In Berlin käme niemand auf die Idee, am Abend nach Brandenburg zu fahren.

Wie groß ist die Anziehungskraft der Hauptstadt? Können die anderen Städte daneben noch bestehen?

Auf jeden Fall. Ich bin ein großer Fan von Berlin in dem Sinne, dass es ein Laboratorium ist, dass sich dort Geschichte manifestiert. Nur: Berlin ist auch ein Biotop, gerade in Mitte, Prenzlauer Berg, Charlottenburg. In Berlin kann man erkennen, wie dramatisch es ist, wenn eine Stadt nicht durch Wirtschaft geerdet wird. All die Künstler, die in den 90er-Jahren nach Berlin-Mitte kamen, sind jetzt auch zehn Jahre älter. Und es wirkt schon ein bisschen komisch, wenn Leute noch mit weit über 40 so tun, als seien sie die jungen Avantgardisten. Ich verstehe die Faszination von Berlin sehr gut, aber als Modell für ganz Deutschland taugt die Stadt nicht. Natürlich ist die Standortfrage aber für bestimmte Berufe entscheidend. Wenn Sie wissen wollen, was in der Kultur geredet und gedacht wird, ist Berlin schon wichtig.

Heißt das, über kurz oder lang zieht es alle Kreativen in die Hauptstadt?

Nein, meine Prognose ist ganz anders. Ich glaube, dass die Rolle einer Region wie der unsrigen in der Zukunft eher wächst, als dass sie schwindet. Auch die Kreativen brauchen funktionierende Märkte. Gerade jetzt in der Finanzkrise sieht man das. Man sieht, welche Galerien in Berlin zumachen und zurückgehen nach Düsseldorf. Die demographische Entwicklung Deutschlands wird allgemein zu einer Landflucht führen, fast wie im Mittelalter: Der Mensch zieht zurück in die festen Stadtmauern. Die Zukunft gehört den Städten. Das wird sich nicht auf Berlin konzentrieren. Ich denke, wir bekommen einige wenige Großregionen – München, das Rhein-Main-Gebiet, Köln, Hamburg. Dass sich alles auf den nicht sich selbst finanzierenden Wasserkopf Berlin konzentriert, halte ich für ausgeschlossen. Nur: Zurzeit gibt es eine Arbeitsteilung zwischen den Städten, die wir nicht einfach so hinnehmen sollten: Berlin ist die Planstelle für Kreativität und Verrücktheit, Frankfurt für Finanzmarkt und Flughafen, Hamburg für Medien, Köln für multikulturelle Gesellschaft und München für klassische, bürgerliche Kultur. Diese Arbeitsteilung nutzt im Augenblick München stark für sich. Ich wäre froh, wenn das Rhein-Main-Gebiet da lernen würde, denn wir haben ein stabiles, starkes Bürgertum.

Was sollte die Region sonst noch besser machen? Woran fehlt es?

Ein großes Problem ist, dass die Region keine eigene Identität hat. Ein Frankfurter glaubt doch gar nicht, dass Wiesbaden zur Region gehört, obwohl es nicht mal so weit entfernt ist wie Kreuzberg von Reinickendorf. Man fühlt sich nicht zusammengehörig. Ein Beispiel: Wir haben Staatstheater in Wiesbaden und Darmstadt und das Schauspiel Frankfurt. Drei Orte mit unglaublichen Ressourcen. Aber wir haben es nie geschafft, sie richtig zu bündeln. Es gibt viel Kreativität in der Region, viele Themen, aus denen man mehr machen könnte: Dabei sollte man nicht auf Geschichte setzen – da wird Berlin immer im Vorteil sein –, sondern auf die Moderne, auf die Avantgarde, das Experimentelle. Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet haben zudem einen unglaublichen Reichtum an Internationalität. Was Frankfurt in meinen Augen aber konkret fehlt, ist die Mitte. Natürlich gab es die Zerstörungen durch den Krieg, aber es ist auch eine Frage des Städtebaus und der Art, wie man Städte benutzt. Ich weiß nicht, ob die Zeil das ist, was man sich als Mitte einer Stadt vorstellt. Ich freue mich, wenn das Technische Rathaus verschwindet, vielleicht entsteht da die Mitte, die wir suchen. Frankfurt müsste rauskommen aus dieser sonderbaren Zeitlosigkeit, dieser Raumschiffhaftigkeit. Das Hauptproblem aber ist: Der Stadt müsste es verstärkt gelingen, Menschen am Abend und am Wochenende zu halten. Das ist nicht so leicht. Deswegen sollte man sich auf die Region besinnen und besser kooperieren.

Wie nehmen Ihre Gesprächspartner im Ausland die Region wahr?

Frankfurt halten die Leute für ein Powerhouse, vergleichbar mit den großen, fleißigen, produktiven Metropolen der Welt, ähnlich wie Chicago. Das war allerdings vor der Krise. Ich merke aber auch, dass es im Ausland nicht mehr so viele gibt, die wissen, dass Goethe hier geboren ist. Das zweite große Thema: Frankfurt und die Buchmesse. Sie ist ganz wichtig für die Stadt und die Attraktivität der Region. Die Buchmesse schafft einen symbolischen Mehrwert, den man durch Imagekampagnen gar nicht erreichen kann. Es genügt, dass jedes Jahr alle wichtigen Verleger und Schriftsteller auf der Welt zu irgendjemandem in ihrem Umkreis sagen: „Nein, da hab ich keine Zeit, da bin ich in Frankfurt.“

Wie wird die Finanzkrise Frankfurt und die Region verändern, das alte Gefüge von Geist und Geld?

Ich glaube, die Krise wird so massiv, dass wir einen gesellschaftlichen Wandel bekommen, nicht nur einen ökonomischen. Im Augenblick ist es ganz schwer zu sagen, ob die Veränderungen von außen oder von innen kommen. Ich glaube aber, dass Frankfurt auch die Chance hat, der Ort der Regeneration des Finanzsystems zu werden, und sich an die Spitze einer solchen Entwicklung des Umdenkens setzen könnte. Es ist auch möglich, dass die Stadt sich überlegen muss, ob sie neben dem Flughafen und den Banken nicht noch andere Säulen braucht. Das wird ihr nicht schaden.

Das Gespräch führte Janet Schayan /FRM-Magazin