Christoph Mäckler
Warum Zukunft Vergangenheit braucht
Ein FRM-Gespräch mit dem Architekten über das Ende der Moderne und neue Stadtbilder.
Herr Mäckler, Sie haben vor 30 Jahren Ihr Büro in Frankfurt eröffnet. Wie hat sich das Stadtbild seitdem verändert?
Sehr zum Positiven. Es gibt Orte, die man gerne aufsucht. Man hat sich dieser Orte angenommen und sie in vielen Bereichen zu einer hohen Qualität gebracht.
Was ist denn so ein Ort, der Ihnen gut gefällt?
Die Alte Brücke. Sie ist der Entstehungsort der Stadt Frankfurt. Sie war der zentrale Verkehrsweg. Der ganze europäische Warenverkehr ging über diese Brücke. Die Alte Brücke hat Wirtschaft und Politik nach Frankfurt gebracht, die Stadt als Handelsstadt, Messestadt und Freie Reichsstadt etabliert. Sie hatte damals eine Funktion wie heute der Flughafen. Wir bringen sie jetzt in Ordnung. Wir müssen diese Orte pflegen, weil die Stadt auch von ihrer Geschichte und von ihrer Tradition lebt. Das wurde über Jahrzehnte vernachlässigt, wird aber mittlerweile von der Gesellschaft eingefordert.
Die bedeutendste Veränderung in den vergangenen 30 Jahren war die Entstehung der innerstädtischen Skyline. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Das ist wunderbar. Das ist das neue Image der Stadt. Wenn Sie auf der Alten Brücke stehen, sehen Sie die alten Türme vor den neuen Türmen. Früher waren es die Alte Nikolaikirche, der Dom, die Paulskirche und die Leonhardskirche, die das Zentrum der Stadt bestimmten. Im 19. Jahrhundert waren es dann die Rathaustürme, der sogenannte „Lange Franz" und der „Kleine Cohn", die leider nicht wiederaufgebaut wurden nach dem Krieg. Und heute sind es eben die großen Verwaltungsgebäude der Banken und Versicherungen. An den Türmen kann man sehr schön die gesellschaftliche Entwicklung ablesen. Ein Kollege nannte das einmal eine „wilde Ehe" zwischen den alten und den neuen Türmen. Das ist einmalig, das finden Sie nirgendwo, nicht in Mailand, nicht in Paris, nicht in London. Das gibt es tatsächlich nur in Frankfurt.
Sie haben mit dem gerade fertiggestellten Opernturm auch Ihren Beitrag zur Skyline geleistet. Welchem ästhetischen Gestaltungsprinzip sind Sie dabei gefolgt?
Es sind ja mittlerweile zwei Türme, und der dritte, der Tower 185, ist im Entstehen. Das alte Selmi-Hochhaus war der erste Turm, dem wir mit einer Glas-Aluminium-Fassade ein neues Aussehen gegeben haben. Der zweite Turm ist der Opernturm, der mit Stein verkleidet ist. Ich glaube, die positive Resonanz auf den Opernturm und die vergleichsweise geringe Resonanz, die das alte Selmi-Hochhaus erfahren hat, zeigt sehr deutlich, dass wir in der Architektur anfangen müssen, anders zu denken. Wir sind am Ende der Moderne angelangt. Es musste etwas Neues kommen. Der Opernturm hat eine große Selbstverständlichkeit. Interessant ist, dass diese Zustimmung entsteht, obwohl er in keiner Weise der Architektur entspricht, wie sie heute weltweit verkauft wird. Es ist eben keine Look-at-me-Architecture, es ist eben nicht ein zerbeultes, zerknittertes oder gefaltetes Fassadenwerk. Ich bin sicher, dass sich die Architektur verändern wird. Und zwar nicht, weil wir Architekten das wollen, nicht weil der Herr Mäckler das will, sondern weil die Gesellschaft das will. Die Gesellschaft bäumt sich auf gegen zu viele Kunstwerke. Sie will einfach mehr Bauwerke.
Welche Rolle spielt die Höhe bei Hochhäusern?
Die Höhe spielt überhaupt keine Rolle, die Höhe ist nur eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Lediglich der Standort spielt eine Rolle. Das heißt, Hochhäuser sollten nicht in Wohnvierteln stehen, sondern vor allem einen vernünftigen Verkehrsanschluss haben. Deswegen wäre so ein Hochhaus, wie es einmal südlich des Hauptbahnhofes entstehen sollte, eigentlich sehr ideal gewesen. Zentrale Lage, perfekter Verkehrsanschluss und kaum Wohnraum in der Umgebung. Dieses Haus hätte so hoch sein können, wie es wollte.
Es wird viel gebaut in Frankfurt, neue Viertel entstehen, und es wird auch darüber nachgedacht, wie die historische Innenstadt wiederaufgebaut werden könnte. Wie sollte sie denn Ihrer Meinung nach aussehen?
Das Wichtigste ist: Es muss eine ganz normale Innenstadt sein. Es darf nichts Künstliches dort entstehen. Es muss sich vernetzen mit der Umgebung, mit der Braubachstraße, dem Main, dem Dom, dem Römer. Man muss die Geschichte des Ortes aufgreifen, damit auch den Stadt- und den Platzraum wieder deutlich machen, wie er vor dem Krieg bestanden hat. Und das auf dem Weg vom Dom zum Römer, also entlang des Krönungsweges. Und dann geht es darum, Wohnhäuser zu errichten, die einer Gestaltungssatzung entsprechen, wie sie die Stadt Frankfurt beschlossen hat. Es soll nichts Aufgeregtes, Extravagantes dort entstehen, sondern eine sehr selbstverständliche Architektur, die aus ihrer Materialität, aus ihrer Proportion, aus ihrer Farbigkeit, aus ihrem Detail heraus lebt. Wir sollten nicht versuchen, dort wieder eine Ansammlung von Kunstwerken aufzustellen.
Welche Rolle spielen Städte wie Wiesbaden, Darmstadt, Offenbach oder Eschborn in der urbanen Metropolregion FrankfurtRheinMain?
Eine wichtige. Es sind kleine Persönlichkeiten, die ähnlich wie im Zusammenhalt der Bundesrepublik Deutschland sozusagen in einer Föderation existieren. Das Interessante dabei ist, dass sie alle ihre Eigenheiten, alle ihren Charakter haben und damit zur Vielfalt der Region beitragen.
Und die eher peripheren, ja auch ländlichen Regionen wie Taunus, Rheingau, Odenwald ...
... sind ganz wichtige Gebiete, obwohl wir aufpassen müssen, dass sie nicht weiter zersiedelt werden. Das passiert leider an den Rändern Frankfurts. Wenn Sie zum Beispiel hochfahren auf den Feldberg, finden Sie auf der rechten Seite ein spiegelverglastes Bürohaus. Das passt nicht dorthin. Das hat dort nichts zu suchen. Das gehört in die Stadt und nicht auf die grüne Wiese. Vor diesen Auswüchsen müssen wir uns schützen, um die charaktervollen Eigenheiten der unterschiedlichen Städte und Gemeinden zu erhalten.
Wie ist FrankfurtRheinMain Ihrer Ansicht nach als polyzentrische Region international positioniert?
Frankfurts Schlagkraft ist die Wirtschaft und die nicht dazu passende Größe. Wir leben in einer überschaubaren Stadt, die sie in gar nicht so sehr vielen Minuten durchqueren können. Versuchen Sie das mal in London, Sie laufen Stunden. Das ist hier anders. Unser Ballungsraum besteht daraus, dass wir eine relativ kleine Großstadt haben und darüber hinaus noch Städte und Orte, die Frankfurt vorgelagert sind, aber ihre eigene Wirtschaft und ihre eigenen kulturellen Zentren haben. Das bringt Konkurrenz ins Geschäft und führt dazu, dass wir eine sehr hohe Qualität auf den verschiedensten Gebieten haben.
Sie glauben also, dass FrankfurtRheinMain sich mit Städten wie London oder Paris messen kann?
Ja, natürlich. Nehmen Sie einen Banken-Arbeitsplatz in London und einen in Frankfurt. Sie zahlen in London in einem Bürohaus ein Vielfaches an Miete von dem, was sie hier zahlen. Wir können Arbeitsplätze anbieten, die günstig und schnell erreichbar sind. Wir sind mit dem Fughafen und dem Hauptbahnhof international gut vernetzt und sind damit sehr viel flexibler als in London.
Letzte Frage: Sie haben vor 30 Jahren hier angefangen. Wie wird Frankfurt in 30 Jahren aussehen?
Es wird sicherlich aufgrund der genannten Vorteile eine weitere Konzentration von Wirtschaftsunternehmen geben und dadurch mehr Hochhäuser; immer allerdings unter der Voraussetzung, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung so fortsetzt. Ich bin auch sehr sicher, dass wir bis dahin viele öffentliche Plätze in ihrer Qualität verändert haben werden, weil die Gesellschaft das fordert. Es geht ja nicht darum, immer etwas Neues zu gestalten, sondern es geht darum, anzusetzen an der Geschichte der Stadt. Nach dem Krieg haben wir einfach nur nach vorne und nicht mehr zurückgeschaut. Heute wächst eine Generation heran, die ihre Wurzeln sucht, und weil das so ist, bin ich sehr sicher, dass wir die Stadt im Sinne ihrer Geschichte gestalten werden. Nehmen Sie mal den Bahnhofsvorplatz. Der ist als öffentlicher Raum, als Platzraum, an dem sich die Bevölkerung zusammenfindet, heute eine Katastrophe. Den Wohnraum, in dem sich die Familie zusammenfindet, gestalten wir wie selbstverständlich. Im Stadtraum treten solche Vernachlässigungen auf. Das kann nicht sein. Denn die Schönheit eines Ortes ist eine Qualität, die auch eine Lebens- und Arbeitsplatzqualität ist.
Das Gespräch führte Martin Orth/FRM-Magazin