© Hertie-Standortstudie, FRM-Magazin

„Ja“ zu FRM

Die Menschen identifizieren sich mit der Region

Die neue Hertie-Standortstudie zeigt: FrankfurtRheinMain ist keine Chimäre, sondern gelebter Alltag

Die gängigen Klischees sind bekannt: Frankfurt sei kalt, gefährlich, gleichgültig und obendrein hässlich. Wer hier lebe, komme oder bleibe einzig und allein des Jobs wegen. Mit Frankfurt entwickele man höchstens eine Art, vornehm ausgedrückt, „distanzierte Arbeitsbeziehung“, wohl fühlen könne man sich hier aber keinesfalls. Wie sich die Wahrnehmung der Region aus wissenschaftlicher Perspektive darstellt, hat nun die „Hertie Studie FrankfurtRheinMain“ erkundet. Initiiert vom FrankfurtRheinMain e.V., dem Verein zur Standortentwicklung von FrankfurtRheinMain, und herausgegeben von der Gemeinnützigen Hertie Stiftung, gilt sie als erste repräsentative empirische Bevölkerungsstudie über eine deutsche Metropolregion

Erhoben und erstellt wurde die Standortstudie von einem Team anerkannter Sozialwissenschaftler, den Professoren Helmut Anheier und Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance (Berlin), Professor Andreas Klocke von der Fachhochschule Frankfurt am Main, Dr. Konrad Götz vom Institut für sozialökologische Forschung (Frankfurt) sowie dem Meinungsforschungsinstitut TNS-Infratest. In 3000 Befragungen und zahlreichen Interviews haben sie sich mit der Frage auseinandergesetzt und herausgefunden, wie die Bevölkerung über die Region denkt und was die Menschen in Frankfurt von ihrer Stadt halten. Was bedeutet Frankfurt für die Region, welches Verhältnis hat die Region zu ihrem Zentrum? Was wiederum verbindet die Frankfurterinnen und Frankfurter mit der Region und den Menschen dort? Wie nah ist man sich oder wie fern? Die Ergebnisse der Studie überraschten selbst die Experten. Denn ein überragendes Resultat lautet: Die Bevölkerung identifiziert sich in hohem Maße mit ihrer Region. Die Menschen sind stolz auf ihre Heimat und loben das unkomplizierte Zusammenleben unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen. Gleichzeitig ist man sich durchaus der spezifischen Probleme der Region bewusst. Die positive Grundeinstellung fußt auf der hohen Wirtschaftskraft von FrankfurtRheinMain. Die Menschen, so die Studie, blicken optimistisch in die Zukunft und begrüßen den steten Wandel der Region als Teil ihrer Identität. Schnelllebigkeit, Mobilität und Modernität einerseits, Stabilität und Berechenbarkeit andererseits, erscheinen ihnen als zwei Seiten einer Medaille.

Die Bevölkerung bescheinigt ihrer Region zudem eine hohe Integrationsfähigkeit. Sie ist sogar der Ansicht, dass Internationalität, das Zusammenleben unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen Teil der Identität und der Attraktivität von FrankfurtRheinMain sei. „Moderne Gesellschaften sind heterogene Gesellschaften in dem Sinne, dass sie aus unterschiedlichen ethnischen und sozialen Gruppen zusammengesetzt sind. Die Region FrankfurtRheinMain nimmt diesen Zustand in gewisser Weise schon für die deutsche Gesamtgesellschaft vorweg und zeigt, dass sich Pluralität zwar in unterschiedlichen Lebensstilen, nicht aber in Parallelgesellschaften organisieren muss“, schlussfolgern die Wissenschaftler.

Jedoch ist FrankfurtRheinMain nicht ohne Probleme. Wohlstand ist in der Metropolregion ungleich verteilt. Entsprechend werden die hohen Lebenshaltungskosten als eines der Hauptprobleme gesehen. Hinzu kommt die Belastung durch den Verkehr und den damit verbundenen Lärm – nicht verwunderlich für eine Region, deren Kernstadt Frankfurt 600000 Arbeitsplätze bietet, doppelt so viele wie sie Einwohner im erwerbsfähigen Alter hat. Damit ist Frankfurt die produktivste Stadt Europas - und dies trägt wiederum zur Zufriedenheit und dem Selbstbewusstsein der Bevölkerung bei.

Typisch für FrankfurtRheinMain ist die hohe Identifikation mit dem eigenen Quartier. Hier, in den städtischen Vierteln, findet die Bevölkerung ihre Erdung. 76 Prozent der Menschen in Frankfurt engagieren sich in Vereinen oder ehrenamtlichen Organisationen, ein Spitzenwert im deutschen Vergleich. In diesen Vierteln leben Menschen aus über 170 Nationen und mit mehr als 200 Sprach- und Kulturtraditionen zusammen. Rund ein Viertel der Einwohner Frankfurts besitzt keinen deutschen Pass, so viele wie in keiner anderen deutschen Großstadt. Auch in diesen Fragen kommt die Hertie-Studie zu einem interessanten Ergebnis. Es lautet: Je näher man dieser Vielfalt ist, desto weniger irritierend wird sie empfunden. Erst aus der Distanz scheint sie zu verunsichern. 61 Prozent der Frankfurter empfinden ihre Stadt als „sicher“. Jedoch nur noch 36 Prozent in der weiteren Region sehen dies genauso.

Die Menschen der Region verstehen sich als manchmal schroff, immer aber als „geradeheraus“, offen und ehrlich. Das mag für Fremde manchmal abschreckend sein, und so gilt: Man muss sich erst einmal kennenlernen, bevor man sich miteinander wohl fühlt. Die Region FrankfurtRheinMain präsentiert sich ein wenig wie eine sperrige Auster. Man muss wissen, wie man sie öffnet, aber wem das gelingt, der fühlt sich zunehmend wohl.

Henner Alms