© Cucuma

Mobilitätsdesign

Made in FRM

In FRM entsteht Autodesign der Zukunft. Opel, Mazda, Kia und Hyundai haben ihre Designzentren in FrankfurtRheinMain

Wenn Peter Schreyer aus seinem Büro in der Theodor-Heuss-Allee schaut, könnte man neidisch werden. Denn einen besseren Blick über die Frankfurter Skyline als der Chefdesigner von Kia hat fast niemand. Kein Wunder, dass Schreyer, der auch die Verantwortung für Studios in Los Angeles und Seoul trägt, mehr als ein Drittel seiner Zeit in Frankfurt arbeitet. Vier Etagen haben die koreanischen Autobauer für das Design geräumt. 8000 Quadratmeter, auf denen Kreative aus 15 Nationen an den Fahrzeugen von morgen arbeiten – klassisch auf Papier oder am Computer entworfen und natürlich mit jenem speziellen Ton, aus dem sie die künftigen Formen buchstäblich herausschälen: „Im umkämpften Automarkt ist es entscheidend, ein unverwechselbares und ansprechendes Design mit einer weltweiten Identität zu entwickeln. Nur solche Marken werden überleben." Dieser These folgt Schreyer bei der Modellentwicklung konsequent und bemerkenswert erfolgreich: Seit Kia in Frankfurt die Europa-Zentrale, das Designstudio und einen deutschen Designchef hat, gewinnen die Autos aus Fernost unverwechselbar an Charakter und Preise für ausgezeichnetes Design. Schreyer ist in Frankfurt nicht alleine: Auch die Kia Schwestermarke Hyundai hat im gemeinsamen Entwicklungscenter in Rüsselsheim das Designteam um Thomas Bürkle stark aufgerüstet. Der Deutsche kam wie Schreyer von einem deutschen Hersteller, hat bei BMW zuletzt den Sechser gezeichnet und war fasziniert von dem sprichwörtlichen weißen Blatt, auf dem er bei Hyundai anfangen konnte: Denn bislang hatte noch keiner der Marke ein einheitliches Gesicht gegeben.

Dritter im Bunde der Top-Designer in Diensten asiatischer Autobauer ist Peter Bithwistle, der das Designteam im Mazda R&D-Center in Oberursel leitet. In einem Backstein-Areal sitzen knapp zwei Dutzend Designer aus über einem Dutzend Länder, die den Kollegen in Japan Impulse für Modelle von morgen geben. „Jedes neue Auto wird parallel in den Studios in Deutschland, in Amerika und in Japan entworfen“, sagt Birtwhistle. „Sobald die Konzepte fertig sind, treten sie in der Zentrale in Hiroshima gegeneinander an. Wer den Zuschlag bekommt, gibt bei diesem Modell weiter den Ton vor. Wichtiger als Serienautos sind für uns die Designstudien, mit denen wir Trends einfangen und verdichten“,  sagt der Brite. Kia, Mazda oder Hyundai – wo deren Designstudios an eine Mischung aus Luxuslounge, Nobelhotel und Präzisionswerkstatt erinnern, ist Mark Adams der Vorarbeiter einer imposanten Ideenfabrik. Der Amerikaner ist Designchef für Opel und Vauxhall und Hausherr im Designcenter von General Motors. Geschützt von blickdichten Scheiben und automatischen Türen mit Zugangscodes, herrscht er in Rüsselsheim über ein Reich von 20 000 Quadratmeter, in dem über 300 Designer arbeiten. Auch Adams’ Einfluss ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen: Spätestens seit der vielbeachteten Premiere des Flaggschiffs Insignia ist Opel wieder auf dem Weg zu einer Designermarke und sammelt „Red Dots“ am Fließband. Der Insignia wurde ebenso ausgezeichnet wie der neue Astra, und die pfiffigen Portaltüren des Meriva könnten einmal mehr die Welt der Vans verändern FrankfurtRheinMain und seine deutsche Wahlheimat hat Adams dabei sogar zum integralen Bestandteil seiner Formensprache gemacht: „German Precision“ ist neben der „skulpturalen Schönheit“ sein Leitmotiv für alle neuen Opel-Modelle.

FRM steht nicht nur für zukunftsweisendes Automobil-Design, es blüht auch die Zweirad-Branche. Ein halbes Dutzend Fahrradhersteller haben ihre Zentrale in der Region. Einer davon ist Cucuma, vor knapp zehn Jahren in einer Garage in Weiterstadt gegründet, gilt bei Ausdauersportlern und Zeitfahrern als allererste Wahl. „Wir wollen nicht weniger als das schönste Rad bauen, das es gibt“, formuliert Firmenchef Dirk Merz den Anspruch. Doch das letzte Wort hat der Kunde: „Wir passen jedes Rad individuell an, deshalb bekommt jeder Kunde sein Wunschrad.“ Ebenfalls in einer Garage im Süden der Region begonnen hat die Geschichte von Riese und Müller, die 15 Jahre nach der Unternehmensgründung den Weltmarkt mit vollgefederten Rädern bedienen und natürlich längst Elektromodelle im Programm haben. Wie Trends aufgespürt und gesetzt werden, weiß wahrscheinlich keiner besser als Markus Storck: 1964 geboren und vom elterlichen Fahrradgeschäft in Frankfurt geprägt, begann er sehr früh, hochwertige Rahmen und Teile zu importieren und zu vertreiben. Dann entwarf er seine ersten eigenen Produkte, gründete 1995 die Marke Storck und gilt als Trendsetter für hochwertige Fahrradrahmen und Komponenten. Storck zählt zu den Marktführer im Karbon-Segment und gehört längst zu den treibenden Kräften in der deutschen Fahrradbranche. Dass sich Fahrrad- und Automobilhersteller dabei näher sind, als man glauben mag, versteht man spätestens beim Besuch von Storcks Showroom in Idstein. Glänzend, hell und futuristisch könnten dort statt Rennrädern auch Sportwagen oder die Designstudien der Herren Schreyer, Bürkle, Birtwhistle und Adams präsentiert werden.

Dass FrankfurtRheinMain zu den Top-Adressen im Mobilitätsdesign aufgestiegen ist, hat viele Gründe. „Die Logistik ist dabei einer der wichtigsten“, sagt Peter Birtwhistle: „Schließlich müssen wir nicht nur viele Menschen, sondern auch viele Fahrzeugmodelle um die Welt fliegen. Da ist es praktisch, wenn ein interkontinentaler Flughafen vor der Haustüre ist.“ Aber es geht den Kreativen nicht allein um kurze Wege. „Deutschland ist der anspruchsvollste Automobilmarkt in Europa, vielleicht sogar in der Welt. Hier kann man die wichtigsten Strömungen aufnehmen“, sagt Kia-Sprecherin Silke Rosskothen. „Und wo besser könnte man ein Designcenter einrichten als direkt neben der Frankfurter Messe. Wenn irgendwo Trends gemacht werden, dann hier.“

Ginger Ostle und Jörg Friedrich beobachten das Automobildesign in FRM inzwischen aus der Distanz. Ihr Designbüro „Car-Men“ sitzt in Idstein/Kröftel. Anfang der 2000er-Jahre hatten sich Ostle und Friedrich in einer Unternehmensberatung in Frankfurt kennengelernt. Friedrich hatte dort die Trendabteilung geleitet. Er kommt aus dem Industriedesign und hat früher selbstständig Bühnendesign für deutsche Rockstars wir Nena und Westernhagen gemacht. Ostle kommt aus dem Automobildesign, war 16 Jahre bei Porsche, acht Jahre Chefdesigner Europa bei Mazda in Oberursel und zuletzt bei Daewoo. Der koreanische Automobilhersteller firmiert heute als Chevrolet und gehört zu General Motors. Ginger Ostle erklärt die Firmenphilosophie von „Car-Men“: „Wir setzen beim Endkunden an.“ Mit einer aufwändigen eigenen Marktforschung werden Trends aufgespürt, um dem Kunden eine valide Zukunftsvorhersage von Designstilen verbunden mit einer Status Quo-Beschreibung des Designgeschmacks zu liefern. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist, dass sie die Marktforschung als Designer durchführen und Unternehmen wie Toyota, Mazda, Honda und Subaru als Designer beraten. Dabei hilft ein weltweit einmaliges Tool, das „Car-Men-U“. Es ermöglicht Benchmarking im Automobilbereich aus der Designer-Perspektive. In einem Logingeschützten Bereich auf der Internetseite www.car-men.de finden sich fast alle aktuellen Automobiltypen mit bis zu 300 hochauflösenden Fotos. Sie sind eigens dafür aufgenommen, in neutralen Umgebungen und immer denselben Blickwinkeln. Das macht die Autos vergleichbar, vom Kühlergrill über die Seitenansicht bis hin zum Innendetail. Der Clou: So kann jedes Designzentrum, das den Dienst abonniert, die eigenen Designs am Markt überprüfen.

Thomas Geiger und Martin Orth