© HR/Anna Meuer

Paavo Järvi

Was großen Klang ausmacht

Ein FRM-Gespräch mit dem Chefdirigenten des hr-Sinfonieorchesters über Musik als Botschafter der Region

Herr Järvi, Sie leiten jetzt in der 5. Saison das hr-Sinfonieorchester und haben Ihren Vertrag bis 2013 verlängert. Es gefällt Ihnen also in Frankfurt?
Ja, sehr. Die Region ist ein guter Ort für die Musik. Natürlich trägt das hr-Sinfonieorchester dazu bei, aber auch die hr-Bigband, die Oper, die Alte Oper, das Ensemble Modern.

Haben Sie, wenn Sie während der Saison in Frankfurt sind, Zeit etwas von der Stadt und der Region zu sehen? Haben Sie einen Lieblingsort?
Wenn ich hier bin, ist mein Zeitplan meistens unglaublich eng. Es ist nicht ungewöhnlich, dass mein Tag mit dem Orchester um 9 Uhr morgens beginnt und dass er erst um Mitternacht endet. Ich bin auch nicht gerade der Sightseeing-Typ. Wenn ich Zeit habe, laufe ich gern am Main entlang. Das ist ein schöner Ort.

Sie tragen den Namen Frankfurts in die Welt: International nennt sich das Orchester Frankfurt Radio Symphony Orchestra. Sehen Sie das Orchester als musikalischen Botschafter?
Auf jeden Fall, sehr stark sogar. Wenn wir wie in diesem Jahr in China, Japan und Korea oder an anderen Orten spielen, ist das eine Form von direktem Marketing. In sehr positiver Weise sind wir Repräsentanten der Region. In Deutschland heißen wir hr-Sinfonieorchester, aber im Rest der Welt ist das etwas schwer auszusprechen, deshalb treten wir bei internationalen Tourneen als Frankfurt Radio Symphony Orchestra auf.

Das heißt, das hr-Sinfonieorchester ist heute nicht mehr das „bestgehütete Geheimnis in der deutschen Orchesterszene“, wie Sie einmal sagten?
Unlängst war ich angenehm überrascht, als Kenner der Musikszene außerhalb Frankfurts das hr-Sinfonieorchester als eins der besten Radiorchester in Deutschland bezeichneten. Das ist schön zu hören, denn es ist sicher nicht das größte und auch nicht das finanziell am besten ausgestattete Radioorchester. Aber es hat eine starke musikalische Tradition und die Qualität ist sehr hoch. Wir sind auch wirklich international, nehmen CDs auf, gehen auf Tour. Wir haben in der nächsten Zeit einige Auftritte in wichtigen Konzerthäusern wie dem Concertgebouw in Amsterdam, gastieren in Wien und planen – weil es so ein großer Erfolg war – wieder eine Tournee nach Japan, China und Korea.

Was denken Sie über ihr Heimatpublikum, gibt es etwas, das hier anders ist als in anderen Städten?
Ich mag unser Publikum sehr. Wir sind eins der wenigen Orchester – zumindest von denen, die ich bisher dirigiert habe –, dessen Publikum sehr loyal ist, auch wenn wir nicht nur das populärste Repertoire spielen. Das Publikum bleibt uns auch bei den komplexeren Programmen treu. Es ist ziemlich offen für Neues.

Sie leiten vier Orchester. Was ist das Besondere in der Arbeit mit dem hr-Sinfonieorchester?
Jedes Orchester hat eine einzigartige Persönlichkeit. Genau das interessiert mich. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist auf das klassische Repertoire spezialisiert und sehr versiert in der Aufführungspraxis dieser Zeit. Das Orchestre de Paris spielt mit einem starken französischen Akzent. Das Cincinnati Symphony Orchestra ist eine große amerikanische „Maschine“, bestens geeignet für die großen Werke des 20. Jahrhunderts. Und das hr-Sinfonieorchester hat einen sehr ausgeprägten Klang für die deutsche Romantik. Das ist auch der Grund, weshalb wir den Bruckner-Zyklus fortsetzen, eine Mahler-Reihe begonnen und Hans Rott eingespielt haben. Das Orchester hat auch große Bruckner-Erfahrung. Das kann das Orchester hervorragend. Jedes Orchester hat sein eigenes Profil, seine eigene Klangfarbe.

Wie bringt man 116 hervorragende Musiker dazu, in einer Klangfarbe zu spielen?
Das ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren. Zum einen entwickelt jedes Orchester seinen Klang über die Jahre. Es ist häufig das Repertoire, das den Klang modelliert: Wenn man an einem Tag Ravel, am nächsten Tschaikowsky, dann wieder Bruckner oder Zeitgenössisches spielt, ist es sehr schwer, einen kohärenten Klang zu schaffen. Weil diese Komponisten so unterschiedlich sind. Indem man sich auf eine Epoche konzentriert – wie wir auf die deutsche Romantik –, dann hilft das sehr, einen bestimmten Klang zu schaffen. Natürlich spielen wir aber auch andere Musik, derzeit zum Beispiel nordische Musik, Sibelius und Nielsen.

Sie sind von der Ausbildung her auch Schlagzeuger. Dirigent und Schlagzeuger – keine sehr häufige Kombination, oder?
Es kommt öfter vor, als man denkt. Ich kenne nicht sehr viele Fagottspieler, die Dirigenten wurden. Aber ich kenne einige Schlagzeuger: Simon Rattle zum Beispiel.

Was prädestiniert einen Schlagzeuger als Dirigenten?
Ich bin nicht sicher, ob Schlagzeuger für diese Aufgabe prädestiniert sind. Aber es ist so, dass Schlagzeuger zum Beispiel völlig an das Orchester gebunden sind. Man sitzt nicht viele Stunden allein für sich und übt wie ein Pianist oder Geiger, man bewegt sich immer im Kontext eines Orchesters oder Ensembles. Und dann hilft natürlich ein Sinn für Rhythmus. Außerdem haben Schlagzeuger einen sehr guten Überblick über das Orchester, sie sehen den ganzen Klangkörper – wenn auch nur von hinten.

Sie haben das Music Discovery Project initiiert, mit dem das Orchester versucht, die nächste Generation von Zuschauern zu erreichen. Was muss ein Orchester heute bieten, um von jungen Leuten „gehört“ zu werden?
Eine komplizierte Frage und ein kompliziertes Thema. Wir tun alles Mögliche, um Kontakt zu jungen Menschen zu finden. Die Wahrheit ist: Nichts wird sie wirklich auf Dauer in den Konzertsaal bringen außer einer systematischen Musikerziehung, die sehr früh und am besten im Elternhaus beginnt. Die meisten Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren sind mit Eltern aufgewachsen, deren Vorstellung von klassischer Musik die Rolling Stones oder Beatles sind. Wir leben in einer Welt, in der Popmusik allgegenwärtig ist – eine Musik, die nicht für eine längere Lebensdauer gemacht wurde. Es ist daher sehr schwer, einen 17-Jährigen davon zu überzeugen, sich eine Stunde lang hinzusetzen und eine Bruckner- oder Mahler-Sinfonie anzuhören. Popmusik ist auf die kürzestmögliche Aufmerksamkeitsspanne zugeschnitten – nie länger als vier Minuten.

Erreichen Sie die Jugendlichen dennoch?
Wir versuchen – ohne die Illusion zu haben, wir könnten die Welt verändern – ihnen zumindest die Gelegenheit zu geben, ein Sinfonieorchester zu erleben. Es überrascht, wie viele 20-Jährige wirklich noch nie bei einem Konzert waren. Sogar in Deutschland, das anderen Ländern in Europa und erst recht den Vereinigten Staaten in dieser Hinsicht noch viel voraus hat. Wir wissen, dass es nicht die Probleme löst, wenn junge Leute im Rahmen des Music Discovery Projects zu einem Konzert mit uns und einem berühmten Rapkünstler oder DJ kommen. Auf der anderen Seite weckt es bei einigen vielleicht einen Funken Neugier. Das wollen wir: Die Leute zumindest mit einem Hauch Neugier anstecken.

Und Sie selbst – finden Sie Zeit, privat in Frankfurt oder der Region ein Konzert zu besuchen?
Gelegentlich kann man mich schon im Publikum treffen. Das Gute an Frankfurt ist, dass es nicht nur die Heimat von Orchestern wie unserem, dem Museumsorchester und einigen anderen ist. Viele Orchester kommen auch auf ihren Tourneen nach Frankfurt in die Alte Oper. Ich habe dort die Berliner Philharmoniker und die Wiener Philharmoniker gesehen und viele andere. Ich genieße das sehr, weil es mir eine andere Perspektive gibt. Es ist gut, nicht zu vergessen, wie sich ein Konzert aus dem Blickwinkel des Publikums anfühlt.

Das Gespräch führte Janet Schayan.