© Michael Hudler

Region der Innovation

Wo neue Ideen entstehen

Ob in Schullabors, Seminarräumen und Forschungsabteilungen – überall in der Wissensregion FrankfurtRheinMain wird intensiv und erfolgreich experimentiert, geforscht und entwickelt

Einmal im Jahr blickt Deutschland nach Hösbach. Immer im Mai, wenn die Jugend forscht-Preise vergeben werden. Was haben sich die Schülerinnen und Schüler des Hanns-Seidel-Gymnasiums (HSG) diesmal ausgedacht, fragen sich aufmerksame Beobachter. Denn die Schule in der 13000-Einwohner-Gemeinde bei Aschaffenburg gilt seit Jahren als Forscherschule. Einen Bundessieger hat das HSG hervorgebracht, drei zweite, zwei dritte und zwei vierte Plätze belegt. Dazu 25 Landessieger. Selbst während der Schulferien halten sich wieder einige Schülerinnen und Schüler im Labor auf. Nicht die neuesten X-Box-Spiele oder GNTM sind ihre Themen, sondern Antioxidantien und Cyclodextrin. Chemielehrer Roland Full betreut die Gruppe, beantwortet Fragen, schlägt Methoden vor. Er ist der „Vater des Erfolgs“. Sein Ziel war es, aus dem 1975 gegründeten, profillosen Gymnasium eine Forscherschule zu machen. 1988 wurde er mit dem ersten Team gleich Bundessieger. Seitdem betreut er pro Jahr etwa fünf Arbeiten, über hundert waren es bis jetzt. Die Anregungen dazu holt er sich zum Teil aus der „Apotheken-Umschau“. Zum Schulbeginn diskutiert er sie mit den Schülern. Bis Weihnachten ist klar, ob es funktioniert oder nicht. Zuletzt stand er mit einer Entdeckung kurz vor dem Patent. Zwei Schüler wiesen nach, dass sich mit dem Lebensmittelzusatzstoff Cyclodextrin Mundgeruch drastisch verringern lässt. Derzeit arbeitet eine Gruppe an einem Schnelltest für Verbraucher, um Antioxidantien in Kaffee oder Schokolade nachzuweisen. Die Oxidationshemmer gelten als Wundermittel in der Medizin, bremsen das Altern und senken das Krebsrisiko. Eine echte Aufgabe für die Forscher von morgen.

Ortswechsel. Im Besprechungszimmer des Instituts für Informatik an der Uni Mainz erläutern der Informatiker Prof. Dr. Elmar Schömer, der Physiker Dr. Johannes Schneider, der Doktorand André Müller sowie zwei Diplomanden ihre Entdeckung, die das Time Magazine zu einer der 50 wichtigsten Erfindungen im Jahr 2009 gekürt hat. Es handelt sich um einen Computer-Algorithmus für die Optimierung von Packproblemen. „Wir hörten von einem internationalen Wettbewerb des New Yorker Informatikers Al Zimmermann“, sagt Schneider, „in dem es darum ging, mehrere unterschiedlich große Scheiben so in einem Kreis anzuordnen, dass sie möglichst wenig Platz brauchen.“ Beteiligt waren 155 Forschergruppen aus 32 Ländern. „Schnell stellte sich heraus, dass unser Algorithmus wettbewerbsfähig ist. Wir haben alle Rekorde eingestellt und zahlreiche neue Weltrekorde aufgestellt.“ Elmar Schömer greift zu den Holzscheiben, die auch im Kindergarten liegen könnten. Drei sind schnell angeordnet. Anspruchsvoller wird die Aufgabe, sobald man zehn oder gar 50 Scheiben in einem Kreis mit möglichst kleinem Radius unterbringen will. Genau dafür haben die „Packspezialisten“ aus Mainz eine Lösung gefunden. „Das war nur hier möglich“, sagt Schömer, „weil wir in Mainz seit drei Jahren in dem interdisziplinären ,Schwerpunkt für rechnergestützte Forschungsmethoden in den Naturwissenschaften‘ zusammenarbeiten.“ Die möglichen Anwendungsbereiche sind vielfältig. Sie reichen von der Produktion bis zur Personalplanung, von Schnittmustern mit möglichst wenig Verschnitt bis hin zur Messung des Kofferraumvolumens eines Autos. Schneider will ein Programm entwickeln, wie man Dächer mit Solarpaneelen optimal belegen kann. „Rufen Sie mich in einem halben Jahr noch einmal an.“

Nur zwei Beispiele dafür, wo und wie in FrankfurtRheinMain Ideen entstehen. Aber auch zwei Beispiele dafür, wie groß das Innovationspotenzial der Region ist. „In der Region wird experimentiert und geforscht, gebaut und entwickelt“, sagt Doris Krüger-Röth vom Planungsverband Ballungsraum FrankfurtRheinMain. „Wir wollen Wissen austauschen, Kooperationen ermöglichen und Innovationen vorbereiten.“ Mit großem Engagement betreibt sie mit ihrem Team das Wissensportal FrankfurtRheinMain. Auf den Internetseiten werden Unternehmen und Institutionen aus Wirtschaft und Wissenschaft vorgestellt, um das innovative Potenzial sichtbar zu machen und die Player zu vernetzen. Das große Schaufenster der Wissensregion ist die jährlich stattfindende „Innovative“, eine Innovationsmesse, auf der Hochschulen, Forschungsinstitute, Unternehmen und junge Erfinder ihre innovativen Produkte, Methoden und Dienstleistungen der Öffentlichkeit präsentieren. 2010 war sie in Hanau zu Gast. Neben den Schülern aus Hösbach stellten auch Global Player wie der internationale Automobilzulieferer Continental in Hanau ihre Erfindungen vor – dieses Jahr das „intelligente Gaspedal“ – das erste Gaspedal, das mit dem Fahrer kommuniziert. Es wurde am Standort Frankfurt entwickelt, erhöht die Sicherheit und senkt den Kraftstoffverbrauch. Überhöhte Geschwindigkeit und Auffahrunfälle machen einen großen Teil aller Unfälle aus. Nun warnt in Gefahrensituationen das Gaspedal, indem es vibriert oder Gegendruck aufbaut. Zudem signalisiert es dem Fahrer, wann er in einen höheren Gang schalten kann. Das spart Sprit - bis zu 7 Prozent sind möglich. Derzeit wird noch auf der hauseigenen Teststrecke in Frankfurt-Rödelheim erprobt. Spätestens 2013 soll das „intelligente Gaspedal“ mit der Eco-Funktion auf dem Markt sein.

Hinter der Ballungsraum-Initiative steht der Wille, FrankfurtRheinMain national und international als Wissensregion zu positionieren und weltweit eine führende Rolle zu übernehmen. Dabei spielt der Clustergedanke eine immer größere Rolle. Nach dem Vorbild von Silicon Valley haben sich in den Bereichen Finanzen, Mobilität und Logistik, Pharma und Software schon starke Netzwerke gebildet. Mit dem neuen House of Finance ist der Finanzplatz Frankfurt mit seinen über 200 Banken, der Bundesbank, der Deutschen Börse und der Europäischen Zentralbank in der Champions League fest etabliert. Das am Flughafen geplante House of Logistics and Mobility soll die Entwicklung von FrankfurtRheinMain zu einem europäischen Hub beflügeln. Die Voraussetzungen könnten mit dem Flughafen, dem Frankfurter Hauptbahnhof, dem Frankfurter Kreuz und dem größten europäischen Internetknoten De-Cix nicht besser sein. Ein House of Pharma ist im Gespräch. Und erst kürzlich hat sich in Darmstadt die Software-Industrie formiert und 2010 den Spitzencluster-Wettbewerb der Bundesregierung gewonnen. „Wir müssen gemeinsam ein Momentum, eine Schwungmasse erzeugen, die einer allein nicht schaffen kann“, sagt Karl-Heinz Streibich, Vorstandvorsitzender der Software AG, einer der Treiber des neuen Software-Clusters.

Einen Paradigmenwechsel hat auch Offenbach erlebt. Längst haben im Umfeld der Hochschule für Gestaltung (HfG) Künstler, IT-Firmen, Designer und Werbeagenturen die ehemalige Fabrikstadt zu einem Hot Spot der Kreativszene gemacht. Mit dem Zuschlag für einen 100 Millionen Euro teuren Neubau der HfG auf dem ehemaligen Hafengelände ist der Weg frei für ein national wie international wettbewerbsfähiges Kreativ-Cluster. Jens Arend, Absolvent der HfG, hat sich mit seinem Unternehmen „industrialpartners“ in einem Loft auf dem ehemaligen Lurgi-Gelände im Frankfurter Osten niedergelassen. Mit seinem Partner, dem Ingenieur Jens Schnur, betreibt er das größte Frankfurter Büro für technisches Industriedesign. Ihre Stärke: Design und Konstruktion als integrierte Dienstleistung. Was Jens Arend in Frankfurt entwirft, konstruiert und produziert Jens Schnur in Olfen im Odenwald in einem Rapid Prototyping-Verfahren, mit dem dreidimensionale Kunststoffprototypen hergestellt werden können. Welch enormes Potenzial in der oft noch kleinteilig organisierten Kreativszene schlummert, zeigen die Zahlen. industrialpartners fing vor fünf Jahren mit drei Angestellten an. Heute sind es sechzehn bei einem Jahresumsatz von 1,6 Millionen Euro.

Martin Orth