Kunst-Kosmos FRM
„New Frankfurt Internationals“
Das gemeinsame Ausstellungsprojekt des Frankfurter Kunstvereins, des Museums für Moderne Kunst Frankfurt und der Frankfurter Städelschule zeigt mehr als 35 aktuelle Positionen der Kunst inspired by FRM – ein Pilotprojekt.
Eine Mondlandschaft im Foyer des Kunstvereins. Die Erdkugel auf einem großen Diorama. Zwei Gips-Eulen auf Podesten. Dazu Objekte, Fotos, Zahlen, seltsame Mitbringsel und banale Gegenstände wie Flugtickets. Titel des Ensembles von Nina Tobien: „All things are ready if our minds be so“. Der erste Blick in den Frankfurter Kunst-Kosmos hinterlässt ein Fragezeichen. Lilian Engelmann hat die Antwort. „Die Installation ist das Ergebnis einer Reise der Künstlerin - oder vielmehr einer Expedition.“ Nina Tobien ist im Jahr 2009 in zwölf Länder geflogen, um als vermutlich erster Mensch der Welt alle wahren Vollmonde des Jahres zu sehen. Als wahren Vollmond bezeichnet man die Phase, wenn Sonne und Mond in Opposition zueinander stehen beziehungsweise Sonne, Erde und Mond sich in einer Flucht reihen. Bedingt durch die Umlaufbahn der Erde um die Sonne, des Mondes um die Erde sowie die Rotation der Erde, ist dieser exakt zu berechnende Zeitpunkt jedes Mal an einem anderen Punkt der Erde zu erleben – nur für einen Bruchteil einer Sekunde. Diese Erlebnisse hat Nina Tobien in ihrem Werk verarbeitet.
Lilian Engelmann vom Frankfurter Kunstverein (FKV) hat gemeinsam mit Bernd Reiß (Museum für Moderne Kunst, MMK) und Jonas Leihener (Städelschule) die Ausstellung „New Frankfurt Internationals“ kuratiert. Sie geht zurück auf die Idee von Holger Kube Ventrua, dem Direktor des Frankfurter Kunstvereins, ein Format für eine neue Generation von Künstlern zu bieten, die einen biografischen Bezug zur Region FrankfurtRheinMain haben. Von 1983 bis 1994 lief die Serie „Kunst in Frankfurt“ im Kunstverein; 2001 fand die Ausstellung „Frankfurter Kreuz“ in der Schirn große Beachtung. Nun war es an der Zeit, Flagge zu zeigen für FrankfurtRheinMain als Zentrum der internationalen Kunstszene. Kube Ventura gewann Susanne Gaensheimer, die Direktorin des MMK, und Nikolaus Hirsch, den Rektor der Städelschule für seine Idee. Bis zum 13. Februar 2011 zeigen mehr als 35 Künstler unter dem Titel „Stories and Stages“ ihre Arbeiten im Kunstverein, im MMK Zollamt, als öffentliche Performances oder im medialen Raum der Frankfurter Allgemeine Rhein-Main Zeitung.
Aus dem ersten Stock des Kunstvereins scheppern metallisch klingende Schläge. Wer sich auf das Video „the only thing that’s real“ von Eva Weingärtner einlässt, erlebt die beklemmende Selbstfindung einer Frau. Sie – die Künstlerin selbst - schaut in die Kamera und schließt ihre Augen. Dann schiebt sich langsam die Hand der Frau ins Bild und beginnt das Gesicht zu ertasten. Nach der recht rabiaten Erkundung des Gesichts beginnt die Frau damit, sich erst zaghaft, dann heftiger ins Gesicht zu schlagen – die weithin hörbaren Schläge. Es fließen Tränen. Die Frau schaut den Betrachtenden direkt an. Mittels einfacher Gesten schafft es Eva Weingärtner, das schwierige Verhältnis einer Person zu seinem eigenen Ich darzustellen.
Eva Weingärtner ist das Gesicht der Ausstellung. Sie ist auf allen Plakaten zu sehen - eine Entdeckung. Die Kuratoren waren nach einer positiven Kritik des Videos „2ME“ in der Frankfurter Galerie Bischoff Projects auf die Offenbacher Künstlerin aufmerksam geworden. Für die Zusammenstellung des Programms haben Engelmann und Reiß monatelang Ausstellungen und Ateliers besucht. Sie haben Biographien von Absolventen der Städelschule, der Hochschule für Gestaltung Offenbach und der Akademie für Bildende Künste in Mainz der vergangenen zehn Jahre recherchiert. Und sie hatten ein Ziel: Nicht große Namen und ohnehin bekannte Positionen zeigen, sondern ein Thema entwickeln. Das ist ihnen eindrucksvoll gelungen. Es heißt: Wandel und Zukunft des Erzählerischen in der bildenden Kunst. Neben Neuentdeckungen konnten die Kuratoren auch Künstler für das Projekt gewinnen, die erfolgreich im internationalen Ausstellungsbetrieb arbeiten, in bekannten Kunstzeitschriften besprochen und von einflussreichen Kuratoren als Stars oder Geheimtipp gehandelt werden. Siehe Tris Vonna-Michell (Stockholm), Dani Gall (Berlin), Shannon Bool (Berlin), Katinka Bock (Paris) oder Carsten Fock (Berlin und Wien).
Ein Schilderwald im Eingangsbereich des MMK Zollamt weist auf die Bedeutung der Ausstellung hin. „You will love this great exhibition“ steht auf einem Pfeil – eine ironische Auseinandersetzung von Claus Richter mit dem zu Erwartenden. Zehn Positionen sind in der Außenstelle des MMK zu sehen. Leo Wörner hat sich mit der Geschichte des Ortes auseinandergesetzt. Direkt neben dem MMK Zollamt stehen zwei Platanen. In diese hat der Künstler zwei Baumhäuser gebaut. Baumhäuser sind Orte der Kindheit. In ihnen kann man sich verstecken und Pläne aushecken. Baumhäuser sind – besonders in Frankfurt – aber auch Symbole des Widerstands. Siehe Startbahn West. Hier stehen sie an der wohl meistdiskutierten Baustelle Frankfurts, da wo die historische Altstadt wieder erstehen soll. Im Zollamt hat Wörner eine Leiter am Fenster aufgestellt. Nach dem Abriss des Technischen Rathauses ist der Blick hinüber zum Kunstverein wieder frei. Wer ganz oben auf der Leiter steht, hört aus Lautsprechern das Zirpen von Grillen. Dieses Zirpen weckt nicht nur Erinnerungen an schöne Sommernächte. Als Grillen werden auch fixe Ideen und wahnsinnige Gedanken bezeichnet – ein Kommentar zur Altstadtdebatte.
„New Frankfurt Internationals“ soll ein Pilotprojekt eines künftig wiederkehrenden Formats in FrankfurtRheinMain sein. Die Resonanz mit 3000 Besuchern allein zur Eröffnung ist ein eindeutiges Signal.
Martin Orth

