© Tobias Everke

Loudoun County

Transatlantischer Nachbar

Ein Flughafen als Wirtschaftsmotor, prosperierende Hightech-Firmen, hohe Lebensqualität: Vieles verbindet den Main-Taunus-Kreis mit seiner Partnerregion Loudoun County.

Wenn George C. Marshall die Welt nicht gerade von einer Diktatur befreite oder weite Teile Europas vor der nächsten Zwangsherrschaft bewahren musste, zog es ihn magisch nach Dodona Manor. Das Landhaus in Leesburg im amerikanischen Bundesstaat Virginia hatte Marshall im Frühjahr 1941 zusammen mit seiner Frau Katherine gekauft. Die Gemeinde machte einen ländlich-abgeschiedenen Eindruck und war doch nah genug der Hauptstadt Washington, wo Marshall seiner Berufung zum Chef des amerikanischen Generalstabes entgegensah. Er mochte geahnt haben, dass sommerliche Abende mit Katherine auf der Veranda Seltenheitswert haben würden. Am 7. Dezember 1941 überfiel Japan Pearl Harbor, vier Tage später erklärte Hitler den USA den Krieg und George C. Marshall musste die größte Streitmacht aufbauen, welche die Welt je gesehen hatte. Das Kriegsende in Europa brachte die Befreiung von der Nazi-Tyrannei; die östliche Hälfte versank jedoch hinter dem, was Churchill einen „Eisernen Vorhang" nannte. Marshall, der General, wurde in seiner neuen Rolle als amerikanischer Außenminister der Katalysator des Wiederaufbaus. Der nach ihm benannte „Marshall-Plan" sicherte vielen Menschen in der harten Nachkriegszeit nicht nur das materielle Überleben. Das massive Hilfsprogramm trug entscheidend dazu bei, dass die demokratische Staats- und Regierungsform im zerstörten Europa einen fruchtbaren Nährboden fand – vor allem in Deutschland, dessen westliche Hälfte zu einem stabilen Mitglied der demokratischen Staatengemeinschaft und eines neuen, die Rivalitäten der Vergangenheit hinter sich lassenden Europa heranwuchs. „Deutschland", erzählt Rachel Thompson, Kuratorin von Dodona Manor, „hat die Restaurierung des Anwesens von George C. Marshall großzügig unterstützt." Vor gut zehn Jahren kaufte eine Stiftung das Haus und wandelte es in ein Museum um. Es ist restauriert und dank vieler Originalgegenstände in einen Zustand versetzt worden, der die moderate Behaglichkeit der frühen 1950er-Jahre widerspiegelt, in denen Marshall, inzwischen über 70 Jahre alt, hier lebte. Wenn man im kargen Schlafzimmer des Secretary of State oder in der im Gegensatz dazu gut ausgestatteten Bibliothek steht, bekommt man einen Eindruck vom Wirken eines Mannes, dem persönliche Eitelkeit und das Streben nach weltlichen Gütern weitgehend fremd waren, sieht man von Dodona Manor, seinem einzigen Luxus, einmal ab.

Marshall und seine Katherine blickten von ihrem Garten auf Farmland und eine Landstraße, die an Dodona Manor vorbei in den Ortskern von Leesburg hineinführte. Sein Haus würde Marshall sofort wiedererkennen – die Umgebung hingegen kaum. Die Stadt Leesburg ist bis an sein Grundstück und über dieses hinaus gewachsen; der Autoverkehr ist von ähnlichem Volumen wie in jeder anderen blühenden amerikanischen Gemeinde. Leesburg, einst ein Refugium im tief ländlichen Amerika, ist eine ungeachtet der Wirtschaftskrise prosperierende Stadt im Umfeld von Washington, D.C. Die Hauptstadt ist abseits der Rushhour in weniger als einer Stunde zu erreichen – der nach einem Nachfolger Marshalls im Außenministerium benannte Flughafen der Metropole, Dulles International Airport, sogar in nur 15 Minuten. Leesburg ist für viele zudem ein attraktives Ziel für einen Wochenendausflug: Seine „Outlet Mall" ist ein Shopping-Paradies sondergleichen. Doch Leesburg hat ein weiteres Pfund, mit dem es wuchern kann: Im Gegensatz zu anderen „Boomtowns" war man hier weitgehend bausündenresistent und hat den historischen Ortskern akribisch bewahrt, ihn zu einem Eldorado für kleine Galerien, Antiquitätenläden und hübsche Restaurants gemacht – ein Weg der Erinnerung an eine Geschichte von der englischen Kolonialepoche über den Bürgerkrieg bis zur Gründerzeit, den man mit Erfolg nicht nur in Leesburg, sondern im gesamten Loudoun County beschritten hat, jenem Landkreis knapp von der Größe des Saarlandes, der hinter dem Dulles Airport beginnt und sich sanft an den Potomac River im Norden Virginias schmiegt.

Seit 2006 ist Loudoun County offizieller Partner des Main-Taunus-Kreises, eine transatlantische Kooperation, deren Schaffung wesentlich von der George-Marshall-Gesellschaft in Hofheim gefördert wurde. Ganz im Geiste des Generals und Staatsmanns aus Leesburg unterstützt die Gesellschaft die deutsch-amerikanische Freundschaft im Allgemeinen und die wirtschaftlichen sowie kulturellen Verbindungen zwischen den Regionen FrankfurtRheinMain und Greater Washington im Besonderen. Ein Schwerpunkt dabei: der Schüleraustausch. Jeweils zehn junge Menschen aus dem Main-Taunus-Kreis verbringen jährlich zwei Wochen in Loudoun County, den 14-tägigen Gegenbesuch statten ihnen die amerikanischen Teenager jeweils zu Beginn der Adventszeit ab. Sie leben in Familien und erfahren so den ganz normalen Alltag im jeweils anderen Land. Daneben haben auch einzelne Schulen Kontakte in den Main-Taunus-Kreis, wenngleich nicht immer über formale Partnerschaften besiegelt: die Briar Woods High School (Ashburn), die Loudoun County High School (Leesburg), die Dominion High School (Sterling) und das CS Monroe Technology Center (Berufsschule). Letztere ist übrigens die erste Berufsschule in den USA mit einem Austausch ins Ausland; erst kürzlich waren Schülerinnen und Schüler an der Konrad-Adenauer-Schule Kriftel zu Gast.

An Institutionen des Lernens und des Knüpfens neuer Freundschaften besteht in Loudoun County kein Mangel – wovon Scott K. York anschaulich berichten kann. In den elf Jahren seiner Tätigkeit als Chairman of the Board of Supervisors von Loudoun County habe er 46 neue Schulen bauen und eröffnen müssen, erzählt York, dessen Posten dem eines deutschen Landrates vergleichbar ist. Er tut dies spürbar mit einem weinenden und einem lachenden Auge. In dieser Zeit hat sich die Einwohnerzahl des Countys fast verdoppelt auf heute etwa 283000 Menschen. „Vor allem die Jobs in den Hightech-Unternehmen haben Fachkräfte nach Loudoun gezogen", erzählt York, der von seinem Bürotrakt im fünften Stock des Verwaltungsgebäudes von Loudoun County, dem höchsten profanen Bauwerk in Leesburg, problemlos nach Dodona Manor schauen kann. „Viele neue Wohnsiedlungen sind entstanden, aber es gab auch Belastungen durch Baumaßnahmen und den zunehmenden Straßenverkehr." Die Krise hat das Wachstum des Countys abgeschwächt und Scott York wirkt darüber nicht unglücklich – gestoppt hat sie es nicht.

Tony Howard, der Handelskammerpräsident, schreitet über ein fast fertiggestelltes Shopping Center – eines von zwei derartigen Neubauprojekten in weniger als einem Kilometer Abstand. Krise sieht anders aus. Howard zeigt auf die oberen Etagen über dem Starbucks, dem Mobiltelefonanbieter, dem Dentisten: „Dort sind Wohnungen. Wir wiederholen nicht den alten Fehler, die Zentren für Einkauf und Kommunikation in Distanzen von Wohngegenden zu legen, die nur mit dem Auto zu bewältigen sind. Wohnen, einkaufen, miteinander reden, oft auch arbeiten, mit einem Wort: leben – es soll alles in einer engen Community stattfinden, ein urbanes Konzept für Suburbia." Fragt man York und Howard nach den Ursachen des kaum gebrochenen Wachstums, verweist der Handelskammerchef auf zwei wichtige Institutionen: „Die Regierung im nahen Washington mit ihren vielen Arbeitsplätzen und der Flughafen. Unglaublich viele Firmen lassen sich im Umkreis von Dulles nieder und schaffen Jobs, weil sie wissen: Von diesem Airport aus gibt es Nonstop-Verbindungen in alle Welt."

Doch der Airport und die Hightech-Firmen, die Loudouns Wirtschaft prägen, spiegeln nur teilweise das Lebensgefühl der Region. Das hügelige Land ist ein zutiefst landwirtschaftlich geprägtes, über weite Strecken sehr traditionell wirkendes Stück Amerika mit einer Agrarkultur, die auf zwei Dingen basiert: Pferden und Wein. Loudoun ist ein Land der Pferdezucht, der Pferderennen und seine sattgrünen Wiesen mit friedlich weidenden Huftieren prägen die Region. Ebenso wie die Vineyards, die mit „Weinberge" zu übersetzen dem sehr begrenzten Ansteigen der Rebhügel nicht gerecht würde. Jenni McCloud war als Managerin erfolgreich in der Dot.com-Welt unterwegs, bevor sie sich einen Lebenstraum erfüllte. Sie kaufte ein großes Stück Weideland unweit des historischen

Eine Ahnung von der Qualität virginischen Weins vermitteln die Weingüter in Loudoun County und die reiche Restaurantszene, oft in denkmalgeschützten Häusern. Nirgends scheint es so viele konservierungswürdige Bauwerke zu geben wie in Middleburg, dessen Ortskern drei Autominuten von Jenni McClouds Weingut entfernt liegt. In dem Städtchen, in dem architektonisch die Zeit um 1810 stehengeblieben zu sein scheint, findet man den ältesten noch in Betrieb befindlichen Gasthof Nordamerikas: das Red Fox Inn. Das Haupthaus, in dessen Gastraum ein warmes Kaminfeuer prasselt, stammt aus dem Jahr 1728. Die Gästezimmer strahlen den Charme einer längst vergangenen Epoche der Morgenröte über diesem Kontinent aus, im Restaurant werden Spezialitäten angeboten, die auch den Zeitgenossen, die das Haus gebaut haben, bekannt vorgekommen wären: eine traditionelle Erdnusssuppe zum Beispiel, virginischer Schinken und nach Ahornsirup schmeckende Entenbrust. Wer sich im Inneren des Lokals an einen englischen Country Club erinnert fühlt, liegt zumindest kulinarisch nicht falsch: Es gibt auch in Guinesssud fritierte Fish and Chips.

Elaine Walker ist zwar keineswegs so alt wie das Red Fox Inn, doch die Bürgermeisterin des kleinen Ortes Lovettsville ist dennoch Loudoun-Urgestein. Die inzwischen elf Mal wiedergewählte Dame präsidiert einen 1400-Seelen-Ort am nördlichen Ende von Loudoun County. Auch hier wird unverdrossen gebaut, die Einfamilienhäuser mehrerer „Developments" fanden reißenden Absatz – auch weil der Preis mit 300000 bis 400000 Dollar bei der Hälfte dessen liegt, was man 20 oder 25 Kilometer näher an der Haupstadt zahlen muss. Elaine freut sich über die Entwicklung des Ortes – und sieht sich als Bewahrerin seines Umfeldes: „Meine Devise: Pflege das Land, denn es gibt kein neues." Die ersten Siedler, die in Lovettsville Wurzeln schlugen, waren deutsche Einwanderer um 1730. Der Ort galt lange als „German settlement". Es war der Beginn einer die Zeitläufte überdauernden Freundschaft zwischen Loudoun County und der geografischen Mitte der Alten Welt. Städtchens Middleburg und begründete ihr eigenes Weingut Chrysalis. Die energische Frau, Mutter von sechs Kindern und Herrin über 18 Hunde, machte die ursprünglich aus Virginia stammende Rebsorte Norton, die einen Rotwein von großer Intensität liefert, wieder im „Commonwealth" heimisch. Nach sieben, acht Jahren in den roten Zahlen ist Chrysalis heute ein Begriff auf der Karte amerikanischer Weinanbaugebiete, zahlreiche Weine sind prämiert und an sonnigen Wochenenden gehen die Zahlen der Besucher, die zur Weinprobe kommen, in die Hunderte.

Von Ronald D. Gerste/FRM-Magazin