© Michael Hudler

Netzwerke

Der digitale Knotenpunkt FRM

2011: Odyssee in den fremden Kosmos der digitalen Infrastruktur, zu Rechenzentren, Kontrollräumen und Sicherheitsschleusen

So also beginnt die Reise in die Welt der Netze. „Schleuse schließen!“ Mit blecherner Stimme funkt der Sicherheitsmann die Anweisungen in die Zentrale. Der Zylinder schließt sich hinter uns. Im Innern des Gebäudes herrscht klaustrophobische Enge. Klinisch weiß sind die Flure. Eine mächtige Stahltür verschließt einen klimatisierten Raum, in dem die Hochleistungsrechner, aufgereiht wie in einer Lagerhalle für Kühlschränke im amerikanischen Superformat, hektisch blinken. „De-Cix“ steht auf den Rechenschränken und Frank Orlowski, der uns in diese IT-Unterwelt führt, verkündet lapidar: „Das ist der größte Internetknoten der Welt.“ Man starrt andächtig vor sich hin und denkt, wie überflüssig und störend der Mensch doch ist in einer Welt, in der Computer sich mit Computern unterhalten. Dinge sind sich in diesem Kosmos genug. Das Rauschen der Klimaanlage und das Gebläse der Rechner trösten hinweg über die visuelle Ereignislosigkeit des Moments. Dann, fast schon aus galaktischer Ferne, vernehmen wir erneut die Stimme unseres Reisebegleiters: „Ob Sie in Dubai googeln oder in Iowa Freunde bei Facebook kontaktieren – gehen Sie einfach mal davon aus, dass die Daten über Frankfurt laufen. Die Datenmengen werden übrigens in Terabit und Petabit pro Sekunde gemessen. Ein Petabit ist eine Zahl mit 15 Nullen“, gibt er uns noch mit auf den Weg zurück ins reale Leben. Wir notieren: Eine Zahl mit 15 Nullen – also 1 000 000 000 000 000 Bits.

Jetzt sitzt Frank Orlowski, der bei De-Cix, dem Deutschen Commercial Internet Exchange, zuständig ist für Business Development und Marketing, im Besprechungszimmer am Osthafen und lässt routiniert die Zahlen sprechen. Über 400 Internetdienstanbieter aus mehr als 40 Ländern betreut das Unternehmen. 63 neue Internet-Provider haben sich 2010 an den De-Cix angeschlossen. Der Datenverkehr der Bestandskunden wächst exponentiell um 100 bis 200 Prozent – pro Jahr. Hinzu kommen die Neukunden. „Ich erwarte bis Ende 2015 ein 20-fach höheres Datenaufkommen – vor allem durch die zunehmende Übertragung von hochauflösenden TV-Inhalten.“ Die Fakten sprudeln aus dem Mund des Internet-Managers mit professioneller Emphase. „Der De-Cix-Knoten“, sagt er beruhigend, „ist schon jetzt für einen Datendurchsatz von bis zu 40 Terabit pro Sekunde ausgelegt.“

Peter Knapp hat heute nicht viel Zeit. Sein Blackberry mahnt den Geschäftsführer von Interxion zur Eile. Das Unternehmen betreibt unabhängige Rechenzentren und ist ein führender Anbieter auf dem deutschen Markt. Er stelle, sagt Knapp, seinen Kunden für ihre Rechner „sozusagen einen großen Klimaraum bereit“. In diesem Klimaraum geht es womöglich auch um Temperaturen, in erster Linie aber um optimale Sicherheit, um hohe Verbindungssicherheit und vor allem um eine sichere Stromversorgung, die vor Ausfallzeiten schützt, ein Zustand, der jeden, der schon einmal damit zu tun hatte, spontan erzittern lässt. Voneinander unabhängige Strom-Einspeisungen in Kombination mit redundanten Batterienetzen und Generatorstationen sorgen für maximale Ausfallsicherheit. Alle Daten können in weiteren Interxion-Rechenzentren gespiegelt werden. Interxion-Kunde De-Cix zum Beispiel schaltet aus Sicherheitsgründen jeden Monat auf einen anderen Standort um.

Peter Knapp ist Geschäftsmann, aber auch „Treiber“. „FrankfurtRheinMain ist mit einem Hunderte Kilometer langen Glasfaser-Kabelnetz, der hohen Dichte an Rechenzentren und dem größten Internetknoten der Dreh- und Angelpunkt der digitalen Welt“, sagt er. Immer mehr Unternehmen drängen deswegen in die Region. B+S Card in der Bürostadt Niederrad wickelt 60 Prozent des bargeldlosen Verkehrs in Deutschland ab; die Rechner stehen bei Equinix in der Kruppstraße. Atos Origin, der IT-Partner der Olympischen Spiele, sieht sich nach einem Rechenzentrum in der Region um. Großkunden wie die Commerzbank, Neckermann oder Thomas Cook wünschen den lokalen Betrieb. Auch für die Kreativbranche sind die Vorteile entdeckt. Der Erfolg von Crytek, dem Vorzeige-Spiele-Entwickler, wäre ohne die Nähe zu De-Cix undenkbar.

„Stärken stärken". So könnte die Devise des kürzlich gegründeten Vereins „Digital Hub FrankfurtRheinMain“ lauten. Klar, dass Peter Knapp mit dabei ist. Zusammen mit De-Cix-Mann Orlowski und Wirtschaftsförderer Peter Kania bildet er das Trio an der Spitze. Der Branche eine Stimme geben möchte der Verein. Ancotel gehört dazu, die Goethe-Universität, die Netzdienste Rhein-Main des Energieerzeugers Mainova, Infraserv, das Institut für Neue Medien und das Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie. Als Trumpfkarten des Standorts im harten internationalen Wettbewerb kann die Region zudem die hohe rechtliche Sicherheit sowie die für die Branche existentielle Energieversorgung in die Waagschale werfen. Stadtrat Markus Frank, in dessen Zuständigkeit die digitale Wirtschaftswelt fällt, sieht die Chancen für die Region und die Zukunft des „Digital Hub“ rosig.

Einen, der weiß, was die Dinge im Innersten der digitalen Welt zusammenhält, treffen wir in der Schmickstraße 18. Dr. Michael Klein, Geschäftsführer des Instituts für Neue Medien, lebt seit dem Urknall des Internets in diesem Universum. „Stark vereinfacht muss man sich diese Welt so vorstellen: Die Erde umspannt ein gigantisches Kabel- und Satellitennetz, das durch Knoten miteinander verbunden ist. Die Knoten sind Rechenzentren. Dort stehen die Rechner der großen internationalen Telefongesellschaften, Suchmaschinen oder Sozialen Netzwerke, um sicher und an einem neutralen Ort Daten auszutauschen, denn das globale Internet besteht aus 45.000 Teilnetzen“, erzählt er.

Am Fuße des Frankfurter Fernmeldeturms liegt die nächste Station unserer Reise. Die Deutsche Telekom steuert hier ihren internationalen Sprach-, Internet- und Datenverkehr im Internationalen Net Management Center (INMC). Ein gigantischer 70-Quadratmeter-Bildschirm im Kontrollraum zeigt die Betriebszustände des weltweiten Netzes an. Deutet sich ein Fehler an, sucht das System automatisch Ersatzwege in anderen Netzen und schaltet in Millisekunden auf andere Leitungen um. Allerdings ist nicht immer der schnellste Weg der beste. Dann wird manuell eingegriffen. 25 Mitarbeiter managen das Netz rund um die Uhr, ruhig und routiniert. Als jüngst in Japan die Erde bebte, gingen in Ginnheim die Warnlampen an. Die Daten ließen sich nicht mehr ins japanische Netz übermitteln. „Dort gab es sehr viel Nachrichtenverkehr sowie Störungen im Netz, so dass es zeitweise zu überlastet war, um zusätzlichen Auslandsverkehr aufzunehmen“, sagt Helmut Kahl, Service Manager des INMC.

Prof. Dr. Wolfgang König, Chef des House of Finance auf dem Campus Westend in Frankfurt, leitet zusammen mit Prof. Dr. Clemens Jochum die Forschungsgemeinschaft „Frankfurt Cloud“. 15 Spitzenforscher verschiedener Disziplinen suchen mit Unterstützung der Deutschen Bank nach Zukunftslösungen in Sachen „Cloud Computing“. König sitzt in seinem Büro im 4. Stock des House of Finance. Er lehnt sich zurück und bringt das ambitionierte Projekt, das sich im Kern darum dreht, Rechenkapazitäten besser zu nutzen, auf den Nenner: „Rechner miteinander vernetzen, unterausgelastet Rechner identifizieren, Jobs zum Rechnen dorthin schicken und Ergebnisse sich zurückschicken lassen. So müsste es gehen.“ Einen Coup hat das Team schon gelandet.

Prof. Dr. Volker Lindenstruth schließt die Alte Messwarte auf dem Infraserv-Gelände in Frankfurt-Höchst auf. Im 1. Stock wird der ehemalige Leitstand der Hoechst AG mit seinen Zeigern und Zählern der Nachwelt erhalten. Im umgebauten Erdgeschoss brummt die Zukunft – hier arbeitet der Loewe CSC. „Ein Teil der Rechnerknoten des Loewe CSC läuft unter dem Management der Frankfurt Cloud“, schwärmt Lindenstruth, der über dynamische Rechenzentrumskonzepte derart mitreißend zu erzählen weiß, dass Laien der Atem stockt. Der von ihm entwickelte Spitzenrechner gehört zu den 25 schnellsten der Welt und ist mit fünf Millionen Euro zwei Drittel günstiger als vergleichbare Rechner. Zudem darf sich der Loewe CSC als der beste Großcomputer Europas in Sachen Energieeffizienz rühmen. Das gelang Volker Lindenstruth mit einigen ebenso einfachen wie genialen Tricks. Als Prozessoren verwendete er vor allem handelsübliche PC-Grafikkarten, die, wie er sagt, „bis zu einer 50-fachen Rechenleistung der zentralen Recheneinheit eines PC erreichen“. Dazu hat er ein neuartiges, intelligentes Kühlsystem ausgetüftelt, das nur einen Bruchteil der üblicherweise notwendigen Energie frisst. Ein enormer Vorteil im Sinne der „Frankfurt Cloud“, denn Energie ist der größte Kostenpunkt beim Betrieb eines Großrechners.

Der Digital Hub befördert auch die Vision von Karl-Heinz Streibich, in FrankfurtRheinMain ein neuartiges Silicon Valley aufzubauen. Im März hat der Chef der Software AG die Gründung des House of IT in Darmstadt verkündet, wo auch die Geschäftsstelle des Exzellenzclusters „Softwareinnovationen für das digitale Unternehmen“ der Bundesregierung und das Center for Advanced Security Research (Cased) angesiedelt sind. Prof. Dr. Peter Buxmann ist Wirtschaftsinformatiker an der TU Darmstadt und Projektleiter der Gründungsinitiative. Ahnungsvoll blickt er aus den großen Fenstern über den neuen IT-Campus der TU Darmstadt: „Das Future Internet wird unser Thema sein.“ Aber das ist eine andere Reise.

Martin Orth