Thomas Reiter
Neuer ESA-Direktor
Der Frankfurter verantwortet seit April 2011 die Bemannte Raumfahrt der europäischen Weltraumorganisation ESA in Darmstadt.
Thomas Reiters neue Arbeitsadresse heißt Robert-Bosch-Straße 5, 64293 Darmstadt. Das klingt sehr bodenständig. Erdverwurzelt. Dabei fehlte es seinem bisherigen Lebensweg eindeutig an Bodenhaftung. Der Astronaut und Ingenieur Reiter verantwortet nun die Bemannte Raumfahrt der Europäischen Weltraumorganisation ESA in Darmstadt. Das „deutsche Houston“ koordiniert die europäische Raumfahrt und fördert Projekte zur Erforschung der Erde, des Sonnensystems und des Universums. Im Grunde ist Thomas Reiter nun auch wieder da, wo er herkommt: in FrankfurtRheinMain. Denn geboren ist er in Frankfurt, aufgewachsen in Neu-Isenburg. Nur hat er den denkbar längsten Umweg genommen – über die russische Raumstation Mir und die Internationale Raumstation ISS.
Fast ein Jahr seines Lebens verbrachte der heute 53-Jährige extraterrestrisch. Weil er als Elfjähriger ein prägendes Erlebnis hatte. Bis in den frühen Morgen verfolgte der Junge am 20. Juli 1969 gebannt vor dem Fernseher, wie Neil Armstrongs kleiner Schritt auf dem Mond zu einem großen für die Menschheit wurde. „Natürlich wollte ich danach – wie viele andere Jungs – Astronaut werden.“ Doch Reiter hielt an diesem Traum fest. Nach dem Abitur verpflichtete er sich bei der Luftwaffe, wurde in den USA zum Jetpiloten ausgebildet und gehörte 1993 zu den vier Astronauten, die die ESA zur Vorbereitung auf die MIR-Mission nach Russland schickt. Aus dem Kindheitswunsch werden Grenzerfahrungen. Zwei Jahre lang trainierte Reiter unter höchster körperlicher und geistiger Anspannung im russischen „Sternenstädtchen“ Swjosdny Gorodok. Dann begann am 5. September 1995 endlich sein Abenteuer Weltraum. Reiter führte an Bord der MIR 40 wissenschaftliche Experimente aus und absolvierte als erster Deutscher gleich zwei Weltraumausstiege. Zehn Jahre später flog Reiter zur ISS, blieb noch einmal 166 Tage im Weltraum.
Reiter gehört zu den wenigen, denen es bisher vergönnt war, den Erdball aus der unendlichen Weite des Universums zu betrachten. Es gibt Menschen, die hat der Aufenthalt im All zu Philosophen werden lassen. Oder zu Mystikern. Manche sind, nach ihrer Rückkehr aus den fernen Umlaufbahnen, nie mehr jene geworden, die sie zuvor waren. Reiter aber hat kühlen Kopf bewahrt. Der Ingenieur im Rang eines Brigadegenerals ist Rationalist. Deshalb betont er immer sachlich den Nutzen der Raumfahrt für die Entwicklung neuer Technologien. „Es ist die Neugier, die uns antreibt, die Suche nach neuem Wissen.“ Thomas Reiter leistet seinen Beitrag dazu jetzt vom Boden aus. In Darmstadt, Robert-Bosch-Straße 5.
Martin Orth
