Die Welt der Kelten
Zeitreise in der Wetterau
Wer war der grimmige Keltenfürst? Woher stammte sein Reichtum? Wie lebten die Menschen vor 2500 Jahren? Die Keltenwelt am Glauberg gibt nicht auf alle Fragen eine Antwort. Aber das neueste Museum in FrankfurtRheinMain nimmt uns mit auf eine spannende Reise in die frühe Geschichte der Region.
Der Weg in die Vergangenheit führt nach oben. In sanften Windungen, vorbei an Wiesen, Feldern, blühendem Raps. Zwei Bussarde ziehen ihre Kreise im blauen Himmel. Ein Bilderbuchtag in der Wetterau. 270 Meter hoch ist der Glauberg. Das ist nicht spektakulär. Und doch bietet dieser markante Höhenrücken etwas Einmaliges: Am Fuße eines Schotterwegs, der schmal und steil auf das Hochplateau führt, machten Archäologen Mitte der 1990er Jahre einen Fund, der die Blicke der Welt in die Region lenkte: Sie gruben eine fast vollständig erhaltene 1,86 Meter große Sandsteinstatue aus der Zeit um 450 vor Christus aus. Das Bildnis eines grimmig blickenden „Keltenfürsten“. Seine weit nach unten gezogenen Mundwinkel lassen ahnen, warum die Römer den „Furor“, die Kampfwut der Kelten, fürchteten. 2500 Jahre lang hatte die Statue in der Erde geruht. Ein Jahrhundertfund. Niemand hatte geahnt, dass so weit im Norden Deutschlands einst ein keltischer Fürstensitz existierte. Die Spuren der Kelten lassen sich von etwa 800 vor Christus bis zu Beginn unserer Zeitrechnung nachweisen. Ihr Zentrum lag in Oberösterreich und der Schweiz. Von hier breiteten sie sich über das heutige Frankreich („Gallier“) bis nach Großbritannien und auf die Iberische Halbinsel, aber auch nach Osteuropa und Kleinasien aus. Sprache und Kultur verband sie, aber ein geeintes Volk waren „die“ Kelten genauso wenig wie „die“ Germanen.
Wissenschaftler hatten schon lange vermutet, dass der Glauberg eine archäologische Fundgrube sein könnte: Dieses fast ebene, 800 Meter lange und bis zu 200 Meter breite Hochplateau war eine Art natürliche Festung und von der Jungsteinzeit bis ins Mittelalter immer wieder bewohnt. Bei Grabungen wurden auch zahlreiche Reste von Keramikgefäßen gefunden (bis heute mehr als drei Tonnen). Aber keine Sensationen. Den Anstoß, nicht das Plateau, sondern das Gelände südllich davon eingehender zu untersuchen, gab ein Rundflug des Heimatforschers Werner Erk: Aus der Luft machte er 1988 große kreisförmige Verfärbungen in einem Feld aus. Die letzten sichtbaren Spuren eines Grabhügels mit 48 Metern Durchmesser. Drei kostbar ausgestattete Gräber keltischer Krieger legte das Team um den damaligen hessischen Landesarchäologen Fritz-Rudolf Herrmann hier und in einem benachbarten, etwas kleineren Grab frei. Die Grabbeigaben sind außergewöhnlich prachtvoll und belegen, dass die antiken Bewohner der Wetterau, auch wenn sie wie alle Kelten keine Schriftkultur kannten, durchaus Sinn für die schönen Dinge hatten: Eine bronzene Schnabelkanne ist mit zierlichen Figuren besetzt und noch mit Resten von Honigmet gefüllt. Es gibt fein gearbeitete Bronzefibeln, Ringe, Armreifen, einen goldenen Halsring mit Menschenköpfen, Reste von Schuhknöpfchen und Textilien, die rege Kontakte in den Süden Europas verraten. Die Wissenschaftler entdeckten auch Spuren einer 350 Meter langen Prozessionsstraße und ein ganzes Furchenwerk geheimnisvoller, rund drei Meter tiefer Gräben, die das Gelände durchziehen. Etwas abseits stießen sie auf die Statue des „Keltenfürsten“ – sowie auf Bruchstücke von gleich drei weiteren, sehr ähnlichen Figuren. Das Ungewöhnlichste: Halsring, Armreif, Schild und Dolch der erhaltenen Statue gleichen bis aufs Detail der Ausstattung eines etwa 50 Jahre alten Toten in einem der Gräber. Es wurden sogar Reste der rätselhaften wulstigen Gebilde, die den Kopf der Statue rahmen, gefunden: eine mützenartige „Blattkrone“. Stellt die Skulptur den Toten dar? Wer war der grimmige Fürst der Wetterau? War der Glauberg ein Herrschersitz oder ein Heiligtum? Wie sah der Alltag der Kelten am Glauberg wohl aus? Woher kamen sie? Wieso sind sie nach 200 Jahren verschwunden? Annäherungen an Antworten gibt die im Mai eröffnete „Keltenwelt am Glauberg“, ein Dreiklang aus Museum, 30 Hektar großem Archäologischen Park und einem Forschungszentrum.
Der Museumsbau hat eine rostbraune Cortenstahlfassade – „als Referenz an die Metallkunst der Kelten“, wie Architekt Gerhard Wittfeld aus Aachen sagt. Das Gebäude schiebt sich förmlich aus dem Glauberg heraus – fast wie ein Fernrohr in die Vergangenheit. Seinen Fokus, ein riesiges Panoramafenster, richtet es nach Süden: auf den heute rekonstruierten Grabhügel. Ein architektonisches Vexierspiel zwischen drinnen und draußen. Im Inneren führen alle Wege zur Statue des „Keltenfürsten“. Sie steht nicht wie die anderen Schätze hinter Glas, sondern lässt sich frei von allen Seiten betrachten. Der ganze Raum ist in Dunkel getaucht, die Ausstellungsstücke werden mit Sinn für Dramaturgie präsentiert: Die Besucher werden mitgenommen auf eine archäologische Expedition. Die Wände sind Erdschichten nachempfunden. Anschaulich wird gezeigt, in welcher Kleinarbeit die Archäologen in der Restaurierungswerkstatt der Hessischen Landesarchäologie in Wiesbaden die von der Last der Erde auf wenige Zentimeter zusammengedrückten Grabkammern freilegten. Durch Gucklöcher in den Wänden blickt man auf Hologramme rekonstruierter Fundstücke, es gibt Audionischen und Filmanimationen, wie die keltische Siedlung auf dem Glauberg, in der wohl 400 Menschen eher als Bauern denn als Krieger lebten, ausgesehen haben könnte. Ein Museum als sehr gegenwärtiger Erlebnispfad in eine unvorstellbar ferne Zeit. Nicht ausgespart und kritisch beleuchtet wird dabei auch die Grabungsgeschichte am Glauberg zur Zeit des Nationalsozialismus.
Bei der Zeitreise ins 5. Jahrhundert vor Christus hilft, dass die kostbaren Funde vom Glauberg direkt an ihrem Ursprungsort zu sehen sind. Und nicht im Landesmuseum in Darmstadt oder in Frankfurt oder Bad Nauheim. All diese Ideen waren in der – zum Teil heftig geführten – Diskussion und es war keine Selbstverständlichkeit, dass es einmal ein eigenes Landesmuseum in der Wetterau geben würde. Zu verdanken ist dies dem Konzept „HessenArchäologie 21“ des Landesarchäologen Egon Schallmayer. Er setzt auf ein „Dezentrales Landesmuseum“: Einzelne historische Epochen sollen an verschiedenen Orten vorgestellt werden. Die Keltenwelt ist jetzt neben dem Römerkastell Saalburg im Taunus der zweite wichtige und weit über die Region hinausragende Baustein dafür. Per Luftlinie trennen die beiden archäologischen Höhepunkte in FrankfurtRheinMain nur 40 Kilometer. Wissenschaftlicher Anspruch und populäre Vermittlung – diese Formel gilt für Saalburg und Glauberg gleichermaßen. In der Keltenwelt wird das angeschlossene Forschungszentrum unter der Leitung von Ines Balzer dafür sorgen, dass frische Erkenntnisse auf schnellstem Weg in die Ausstellung einfließen. Mit eingebunden in Forschungsprojekte werden wie bisher schon die Universitäten Mainz und Frankfurt sowie viele Ehrenamtliche aus der Region. Zusätzlich knüpft Ines Balzer ein Netzwerk mit internationalen Experten. Schon bald soll am Glauberg auch wieder gegraben werden: So viele Fragen sind noch offen – gern würde die Forschungsleiterin herausfinden, warum sich um die eher unauffällige keltische Höhensiedlung eine so monumentale Kultstätte entwickelte. Oder auf welcher Grundlage der Reichtum in den Gräbern beruhte – auf Eisen, auf Salz? Welche Funktion hatten die sonderbaren Gräben? Am Glauberg schlummern sicher noch einige Überraschungen in der Erde. Der Weg in die Vergangenheit führt immer auch nach unten.
Janet Schayan
