Frankfurts English Theatre
Broadway an der Taunusanlage
Das Theater mit Flair ist Treffpunkt der internationalen Community und bietet spannende Inszenierungen
Jetzt reicht’s! Die Schüler wollen nicht mehr gehorchen. Stühle fliegen durch die Luft, Hefte werden zerrissen, unflätige Mittelfinger gezeigt. Der Lehrer bekommt zu dröhnenden Gitarrenriffs und ausgelassenem Teenager-Gesang den Allerwertesten versohlt – und das Publikum im English Theatre rast. „Spring Awakening“, der krachenden Musical-Version von Frank Wedekinds Pubertäts-Melodram „Frühlings Erwachen“, glückte an der Frankfurter Bühne eine umjubelte Deutschland-Premiere. Rund um die Inszenierung ist eine begeisterte Fangemeinde entstanden, die das Stück auch nach der letzten Vorstellung feiert, im Internet, in Blogs und Videoportalen. Im Gästebuch auf der Website des Theaters überschlagen sich die Hymnen: Das mehrsprachige Lob reicht von „Totally awesome“ bis zu „Es war großartig!“ Erneut ist den Machern des größten englischsprachigen Theaters auf dem Kontinent ein Publikumshit gelungen. Deutlich über 60 000 Gäste kommen Spielzeit für Spielzeit zu den Inszenierungen. Mit Vorurteilen hat das Team um Intendant Daniel Nicolai mitunter dennoch zu kämpfen.
Alle Stücke auf Englisch? Das schreckt manchen ab. Daniel Nicolai beruhigt: „Wir sind ein ganz entspannter Lernort“, sagt er augenzwinkernd. „Manche Leute glauben, man müsste in unserer Theater-Bar das Bier auf Englisch bestellen. Bei uns kann man sich auch auf Deutsch problemlos verständigen und unsere Stücke erschließen sich wunderbar durch die Darstellung auf der Bühne.“ Dort herrscht Vielfalt: Thriller und Dramen, Komödien und Musicals. Klassiker inszenieren sie hier souverän – und suchen zugleich immer wieder das Experiment. „Entertainment with a Twist“ nennt Nicolai als Überschrift des Angebots. „Wir wollen unterhalten, ganz klar. Aber unsere Gäste sollen möglichst mehr als einen schönen Abend erleben.“ Der „Twist“, dieser besondere Dreh, gelingt immer wieder: Etwa wenn der Musical-Klassiker „Hair“ seine politische Seite zeigt oder wenn das Erfolgsstück „The Full Monty“ nicht nur Stripper-Komödie, sondern zugleich britische Sozialstudie ist. Das Programm der neuen Spielzeit verspricht ebenfalls Abwechslung: von der Rockoper „Tommy“ bis zur Bühnenversion des Oscar-gekrönten Films „Rain Man“.
Das alles bringen die Theatermacher ohne ein eigenes Ensemble und ohne feste Hausregisseure auf die Bühne. 23 festangestellte Mitarbeiter zählt das internationale Team um Intendant Nicolai, dessen Arbeit unter anderem die Städte Frankfurt und Eschborn sowie die Commerzbank finanziell fördern. Die Schauspieler werden zumeist in New York und London gecastet, vor allem in der reichen Szene der britischen Hauptstadt mit großem Erfolg. Dort organisiert Stage Managerin Maureen Dienst auch die Probebühne. Wie erstklassige Häuser in den USA und England beschäftigt das English Theatre kein festes Ensemble. Stattdessen erhält jedes Stück seine maßgeschneiderte Mannschaft. Die muss auch unter Zeitdruck funktionieren. Erst zehn Tage vor der Premiere kommen die Schauspieler an den Main und arbeiten im Haus an der Gallusanlage an letzten Details. „Wir produzieren praktisch im großen Spagat über den Ärmelkanal“, sagt Nicolai. „Eine tolle Chance, immer wieder echtes englisches Theater zu erleben.“ Das English Theatre gilt als die Frankfurter Bühne mit dem jüngsten und gebildetsten Publikum. Das bekommt regelmäßig künstlerisches Top-Niveau geboten. Dichte Südstaaten-Atmosphäre bei Tennessee Williams, geschliffen vorgetragene Dialoge bei Oscar Wilde. „Wir haben unter anderem in der hochkarätigen Londoner Theaterszene eine Art Einkaufsvorteil“, sagt Daniel Nicolai. „Nur die wenigsten Künstler können regelmäßig im West End arbeiten. Wir sind für viele interessant, weil wir ihnen Möglichkeiten bieten, die sie in London nicht haben.“
Im Gegenzug ist das Theater öfters Sprungbrett für Erfolge im Ausland. Für Schauspieler, die auf einmal in „Les Misérables" im West End spielen. Für Regisseure, die aktuell international gefeiert werden. In Deutschland ist die Bühne ohnehin die englischsprachige Nummer eins, zieht zahlreiche Besucher von außerhalb der Region an. Zu „Spring Awakening“ kamen unter anderen 130 Schüler der Düsseldorfer International School. An solchen Beispielen zeigt sich nicht nur ein Standortvorteil, sondern auch ein Erfolg der vielfältigen theaterpädagogischen Arbeit, die die Deutsche Bank als Exklusiv-Sponsor fördert. Rund 1100 Englischlehrer lädt das Theater zu kostenlosen Previews zu jedem Stück ein, bietet zudem Workshops und Unterrichtsmaterialien an. Im „DramaClub“ studieren Erwachsene und Schüler regelmäßig Aufführungen ein. Im August bringen sie Brechts Dreigroschenoper („The Threepenny Opera“) auf die Bühne.
Das Theater ist weit mehr als ein Treffpunkt für Schauspiel-Fans und Theaterprofis. Ein Ort für alle, die sich gerne ungezwungen auf Englisch austauschen. Etwa beim „International Stammtisch“, der Neuankömmlingen die Eingewöhnung in der Region erleichtert. Oder bei den zahlreichen Partys in der hauseigenen, elegant designten „James Bar“, wo auch schon der Eurovision Song Contest und das Oxford-Cambridge Boat-Race live übertragen wurden. Hinzu kommen Poetry Slams, englischsprachige Lesungen und spannende Fotoausstellungen – vom 18. August an werden Aufnahmen des Star-Fotografen Steve McCurry im Theater präsentiert. Der „kulturelle Leuchtturm“, zu dem die Hessische Landesregierung das Theater ernannte, strahlt also besonders vielfältig. Und vielleicht auch einmal auf der britischen Insel. „Wir würden unsere Aufführungen auch gerne in Großbritannien präsentieren“, sagt Daniel Nicolai. Dann könnten auch die Briten sehen, was die Theatermacher aus FrankfurtRheinMain leisten.
Johannes Göbel
