Rainer W. Schlegelmilch
Das Auge Der Formel 1
Seit bald 50 Jahren verfolgt der Frankfurter Fotograf das Grand-Prix-Geschehen
Rainer W. Schlegelmilch braucht keinen Terminkalender. Den macht Bernie Ecclestone schon für ihn. Denn kaum steht der Rennplan für die Formel-1-Saison fest, heißt es für Schlegelmilch Koffer packen. Donnerstag Anreise, Freitag erstes Training, Samstag Qualifying, Sonntag Rennen, Sonntagabend Rückflug. 20 Mal im Jahr, von Bahrain bis Brasilien. Allerdings folgt er dem Rennzirkus nicht als Techniker oder Ingenieur, sondern als Fotograf. Rainer W. Schlegelmilch ist schlichtweg „das Auge der Formel 1“. Knapp eine halbe Million Fotos hortet er in seinem gigantischen Archiv. Zwischen 3000 und 5000 Bilder schießt er an jedem Renntag. Meistens sind davon schon zwei Drittel wieder gelöscht, bevor er in Frankfurt landet. Keiner weiß besser als er, worauf es bei der Rennsportfotografie ankommt. Das „Auge“ ist unbestechlich. Ihn interessiert Qualität. Am Dienstag nach dem Grand Prix stehen die 250 Top-Shots auf seiner Homepage.
In seinem Office im Frankfurter Stadtteil Dornbusch: Auf der Stuhllehne hängt noch das „Photographer“-Leibchen vom Wochenende in Australien. Hinter ihm eine riesige Regalwand voller Ordner mit Renndias. An der gegenüberliegenden Wand ein Leuchttisch nebst brummendem Trommelscanner. Tausende Aufnahmen will Schlegelmilch noch digitalisieren. Ein zeitintensives Projekt zwischen den Rennen. „Meine Altersversorgung“, schmunzelt er. Denn viele seiner historischen Schwarzweißbilder aus den 1960er Jahren sind wahre Schätze.
Jedes Bild hat seine eigene Geschichte, und zu jeder Geschichte hat Rainer W. Schlegelmilch sein Bild. Er deutet auf ein Foto von Jacky Ickx, der zu den Großen der 1970er Jahre gehörte. „Jacky lebt heute in Monte Carlo, wir sehen uns längst als Freunde.“ Überhaupt: Der Fotograf Schlegelmilch kennt alle Autos, alle Fahrer, er hat sie alle abgelichtet – von Jim Clark bis Sebastian Vettel. Besonders gefreut hat ihn ein Grußwort, das Jackie Stewart, der dreimalige Weltmeister, für eines seiner Bücher geschrieben hat: „Schlegelmilch gehört zu den bekanntesten Personen des Geschäfts und ist hoch angesehen.“ Ein Ritterschlag.
Und natürlich ist der dienstälteste Fotograf der Formel 1 einer der herausragenden Chronisten des Motorsports. Seine Karriere begann vor nahezu 50 Jahren. 1962 nahm ihn ein Freund mit auf den Nürburgring zum 1000-Kilometer-Rennen. Damals waren die Gentlemen im Cockpit zwischen dreißig und Ende vierzig und kurvten mit offenem Helm und Motorradbrille über den Ring. Schlegelmilch schloss gerade sein Fotografie-Studium in München ab, als ihn Rennsportfieber packte. Er ging in die Werbehochburg Frankfurt, wo er schon zur Schule gegangen war, arbeitete für Industrie und Agenturen und lebt seitdem im Takt mit der Formel 1.
Sein Archiv ermöglicht mittlerweile einzigartige Vergleiche. Ein Meisterstück ist die Dokumentation aller Fahrzeuge, die seit 1975 den Grand Prix von Monaco bestritten. Schlegelmilch hat sie alle in derselben Kurve fotografiert, immer aus demselben Blickwinkel. „Da sehen Sie genau jede Veränderung über die Jahre“, sagt er. Die Stelle zwischen Loews und Portier, die Schlegelmilch fotografiert, wird von Insidern inzwischen schon „Schlegelmilch-Kurve“ genannt. Eine Spezialität sind auch seine Bewegungsaufnahmen. Bei jedem Grand-Prix-Termin zoomt er mit Langzeitbelichtungen während des Trainings: „Dann lasse ich die Kerle an mir vorbeirasen und versuche, möglichst nur den Helm scharf zu bekommen, der Rest ist farbiger Speed.“
Martin Orth















