© Simon Koy

Garten RheinMain

Der Sommer zeigt FrankfurtRheinMain von seiner schönsten Seite

Vom stillen Klostergarten bis zum mondänen Kurpark: Wer Schönheit und entspannte Ruhe sucht, findet in den Gärten der Region sein Paradies

Atemberaubende Schlossparks oder intime Lustgärten, lauschige Arboreten oder flotte Fahrradpisten durch Wald und Flur: Als verkehrsreiche Metropolregion besitzt FrankfurtRheinMain verblüffend viele – und vielgestaltige Naturinseln. Weit über 100 sind es zwischen Spessart und Rhein, Taunus und Odenwald. Dass es auf diesen mehr als 5000 Hektar grüner Lunge auch „Pflanzenjäger“, ein „Kolonialreich Frankfurt“ oder „Arkadien in Aschaffenburg“ zu entdecken gibt, mag kurios klingen, klärt sich aber schnell auf: im Programmheft „Pinien, Palmen, Pomeranzen – Fremde Welt in heimischen Gärten“. Unter diesem Motto bündelt die Sektion „Garten RheinMain“ in der Kultur-Region gGmbH sage und schreibe 600 Führungen, Vorträge, Erlebnistage und Feste, die bis Ende des Jahres in den Gartenreichen der Region stattfinden. Dabei geht es vielfach um Pflanzenpassionen und Botanik, um wirtschaftliche Macht und wissenschaftlichen Ehrgeiz – und natürlich um den Zauber fremdländischer Gewächse.

Grüne Lungen: Wo ließe sich der heute „Wellness“ genannten Gesundheit besser frönen als in der Natur, auch wenn sie von alters her von Menschen gestaltet wurde: Zur weitverzweigten Grünen Lunge der Region zählen nicht nur das Regionalpark-Projekt mit künftig 1200 Kilometer Rad- und Wanderwegen oder die 333 Kleingartenanlagen, die hier seit dem 19. Jahrhundert nach dem Vorbild des Leipziger Arztes Daniel G. M. Schreber zum Wohlbefinden via Gartenarbeit und frugaler Selbstversorgung entstanden. Auch weiträumige Friedhöfe wie in Wiesbaden, Mainz oder Frankfurt gelten mit ihrem alten Baumbestand als ökologisch wertvolle Oasen für Flora, Fauna – und Flaneure. Die im 20. Jahrhundert geschaffenen Volksparks, Gartenstädte oder Spielplätze sollten ganz explizit der Naherholung dienen. Schon die Römer hatten die Heilquellen im Taunus genutzt. Deren Blütezeit begann im 18. Jahrhundert. Vielerorts entstanden Kurbäder mit stupenden Parkanlagen, die bis heute paradiesische Fluchtpunkte aus dem hektischem Alltag sind. Manche Orte erlangten wegen ihrer schillernden Gästeschar internationale Berühmtheit: In Wiesbaden etwa spielte sich Fjodor Dostojewski im Casino fast um Kopf und Kragen, trotzte dieser Art von „Kur“ aber immerhin seinen Roman „Der Spieler“ ab. Auch in Bad Homburg lustwandelte englischer und russischer Adel – vor allem durch den 44 Hektar großen Kurpark: Vom preußischen Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné geschaffen, zählt er zu den schönsten englischen Landschaftsgärten Deutschlands. Mögen im Zeitalter von Spas und Resorts mit ihren phantasievollen Therapien auch asiatische Heilpraktiken Konjunktur haben – König Chulalongkorn aus Siam bedankte sich 1910 quasi umgekehrt für die erfolgreiche klassische Kur im Taunus: mit einem koketten Brunnen-Tempelchen, der „Thai-Sala“, die heute eines der Wahrzeichen des Gartenreichs ist.

Südliche Gefilde: Nizza, die Blumenstadt an der Côte d’Azur, war im 19. Jahrhundert ein Sinnbild nordischer Sehnsucht. Doch schon damals musste man nicht so weit reisen, um die Flora der Mittelmeerküsten zu bewundern. Das stellenweise milde Mikroklima am Main macht es möglich, dass die Region zwei historische südliche Gefilde besitzt: „Mein bayerisches Nizza“ nannte König Ludwig I. von Bayern Aschaffenburg, wo er sich um 1850 an markanter Stelle über dem Mainufer, wenige Schritte vom Renaissanceschloss Johannisburg entfernt, eine antike Villa, das Pompejanum, bauen und mit Feigenbäumen, Weinberg und Kiefernhain eine mediterrane Landschaft en miniature gestalten ließ. Wer jetzt wieder durch den sorgsam restaurierten Schlossgarten flaniert, wähnt sich zwischen Agaven und duftenden Engelstrompeten, unter der Glycinien-Pergola oder auf der mit roten Trompetenblumen überrankten Terrasse fast wie im Land, wo die Zitronen blühen. Die wiederum gedeihen – allesamt ganzjährig im Boden verwurzelt - in malerischer Gemeinschaft mit Pinien, Oliven-, Lorbeer-, Eukalyptus- und Granatapfelbäumen – weiter flussabwärts, im Frankfurter „Nizza“. Auch dieses paradiesische Juwel auf dem Tiefkai zwischen Untermainbrücke und Holbeinsteg entstand schon 1875. Seit der vorbildlichen Neugestaltung 2005 gilt die Anlage als der artenreichste subtropische Garten nördlich der Alpen.

Gestaltete Landschaft: Ein bisschen wild ist er schon noch, der Bergpark Villa Anna in Eppstein, auch wenn ein Förderkreis die meisten der 200 wertvollen alten Gehölze wie die 40 Meter hohen, fassdicken Mammutbäume schon freischlagen ließ. Jahrzehntelang war dieser botanische Schatz völlig zugewuchert – und vergessen. Erst der frühere Stadtarchivar Herbert Picard entdeckte vor einigen Jahren den Zauberwald wieder, den die Frankfurter Bankiersfamilie von Neufville ab 1875 um ihre Sommerresidenz anlegte. Während die meisten Landschaftsgärten wie der Mainzer Stadtpark, der Darmstädter Herrngarten oder der Park von Schloss Philippsruhe in Hanau eher der Ebene frönen und man in den grünen Paradiesen im Taunus bestenfalls über sanfte Hügel wandelt, ist im Gartenreich an den steilen Flanken des Eppsteiner Jähenbergs ein Höhenunterschied von 100 Metern zu bewältigen. Seit 2003 unter Denkmalschutz, bietet das ehemalige Neufvillesche Anwesen einen 2,5 Kilometer langen Rundweg mit herrlichen Aussichten auf Burg und Stadt Eppstein. Mit dem am Eingang erhältlichen Faltblatt findet man all jene prächtigen Gehölze, die bei Anlage des Gartens noch höchst selten und exotisch waren, darunter Douglasien, Weymouthkiefern, Kaukasus-Fichten, Griechische Tannen, Paulownien oder Felsenbirne. Die Gebäude im romantischen Landhausstil wie Villa Anna und Schweizer Haus werden seit 1981 von der Frankfurter Jugendhilfe genutzt.

Botanik für alle: Keine Angst vor Botanik, jener Wissenschaft, die sich mit Herkunft, Lebensweise und Taxonomie der Pflanzen beschäftigt: Denn wer genau erfahren will, was er eigentlich in seinen Gartenboden oder in Töpfe pflanzt, findet in den drei Botanischen Gärten der Region eine Fülle von Wissen, in den faszinierenden Systematischen Abteilungen ebenso wie bei Vorträgen der Botaniker. Woher der immense Schatz fremdländischer Gewächse stammt, der seit dem Zeitalter der Entdeckungsreisen in die Kloster-, Apotheker- und Fürstengärten der Alten Welt gelangte, ist Thema einer Veranstaltung in Darmstadts Hortus botanicus: Dessen Leiter Stefan Schneckenburger berichtet am 28. August über „Kolonialismus und Botanik“, also über jene Sammler und Pflanzenjäger, die in aller Welt das „grüne Gold“ zusammentrugen, das den Ruhm europäischer Gärten mehrte. In Darmstadt war es Carl Albert Purpus: Vor über 100 Jahren schlug er sich in Amerika und Mexiko als „Plant Hunter“ durchs Leben und versorgte mit den neu entdeckten Pflanzen auch seinen Bruder Joseph Anton. Der war brav in der Residenzstadt geblieben und als Garteninspektor hocherfreut über jede Sendung botanischer Kostbarkeiten. Noch heute lassen sich viele exotische Pflanzen aus jener Zeit in dem Gartenreich bewundern, darunter eine vier Meter hohe Yucca rostrata. Seit 1874 liegt der Lehrgarten der Technischen Hochschule als idyllisches, dicht begrüntes Eiland nahe dem Campus Lichtwiese. Rund 8000 verschiedene, auf 4,5 ha im Freien und unter Glas kultivierte Arten lassen sich hier erkunden: Botanik für alle!

Beate Taudte-Repp