Route der Industriekultur
Kathedralen der Arbeit
Mehr als 700 Orte der Industriegeschichte verbinden Vergangenheit und Gegenwart – und die Städte und Kreise der Region
Die Flüsse waren einst die wichtigsten Verkehrsadern, an ihren Ufern siedelten sich Menschen und Betriebe an. Die Geschichte der Industriekultur in FrankfurtRheinMain ist weitgehend identisch mit jener der beiden Wasserstraßen, die der Region ihren Namen gaben. Schleusen, Häfen, Fabriken, die das Wasser benötigten, all dies zählt zum Erbe einer Mitte des 19. Jahrhunderts kraftvoll vorangetriebenen Industrialisierung, die blühende Landschaften hervorbrachte, die Natur und die Gesellschaft jedoch grundlegend veränderte. Dabei reichte die Spanne vom Weinanbau im Rheingau bis zur chemischen Industrie im Frankfurter Westen und zum Automobilbau in Rüsselsheim. Diese Sparten bestehen bis heute. Andere Industriezweige sind längst aus der Region verschwunden.
Das Dienstleistungszeitalter war noch fern, Industrie bedeutete Produktion, und der Familienbetrieb war die vorherrschende Form des herstellenden Gewerbes. Unternehmer setzten sich Denkmäler und richteten sich in prächtigen Villen ein. Und sie legten sich Firmensitze zu, die vor bürgerlichem Selbstbewusstsein nur so strotzten. Die Sektkellerei Henkell in Biebrich etwa, heute ein Stadtteil Wiesbadens, gleicht einem Schloss und steht daher für ein bürgerliches Selbstbewusstsein, das aus Repräsentationsgründen und um den eigenen Führungsanspruch deutlich zu machen, auf feudale Formen zurückgriff. Zwischen 1907 und 1909 hat Paul Bonatz das Henkell-Schlösschen erbaut, auf dessen Dachfirst die Aufschrift „Henkell trocken“ in Großbuchstaben prangt.
Dass der Firmengründer Adam Henkell 1801 in Mainz geboren wurde, dürfte manchem Wiesbadener ein Dorn im Auge sein: Mainzer und Wiesbadener kultivieren ihre Rivalität unter Nachbarn. Auch wenn von unüberbrückbaren Unterschieden heute meist nur noch augenzwinkernd gesprochen wird, so sind die gefühlten Differenzen doch symptomatisch für eine Region, die sich aus vielerlei ehemaligen Fürstentümern, Residenzstädten und einer einstigen Freien Stadt, Frankfurt, zusammensetzt.
Vom Europa der Regionen ist schon lange die Rede. Nur will, wer in einer Region lebt, oft gar nichts davon wissen, dass er nicht nur Bürger einer Stadt oder eines Kreises ist, sondern auch Bewohner eines übergreifenden Gebildes. Die Tradition der deutschen Kleinstaaterei hat dafür gesorgt, dass der Blick über den Tellerrand stets ein skeptischer blieb und sich die Idee von größeren regionalen Zusammenhängen partout nicht einstellen wollte. In der Region FrankfurtRheinMain versuchen seit geraumer Zeit mehrere Initiativen, Institutionen und Gesellschaften, ein Bewusstsein für das größere Ganze zu schaffen. Seit sechs Jahren ist die KulturRegion Frankfurt RheinMain, der 32 Städte und Kreise sowie der Regionalverband FrankfurtRheinMain angehören, damit beschäftigt, den Regionalgedanken voranzutreiben und auf das gemeinsame reichhaltige Erbe zwischen Aschaffenburg und Bingen, Darmstadt und der Wetterau hinzuweisen. Der Kern des Gebiets liegt in Hessen, es erstreckt sich aber auch bis nach Bayern und Rheinland-Pfalz hinein.
Eines der größten und bekanntesten Projekte der KulturRegion ist die „Route der Industriekultur Rhein-Main“, gegründet vor genau einem Jahrzehnt. In dieser Zeit wurden mehr als 700 Orte der Industriekultur erfasst und in Karten dokumentiert. Immer wieder gibt es Veranstaltungen, Führungen, Besichtigungen, spezielle Programme, um die Bürger der Region mit den teils stattlichen, renovierten, neuen Nutzungen zugeführten, teils verfallenen, unscheinbaren, aber womöglich kulturhistorisch um so interessanteren Zeugnissen vergangener Epochen bekannt zu machen. Jedes Jahr finden die „Tage der Industriekultur“ statt, immer zu einem anderen Thema: 2011 war es die Chemie, auch heute eine der Leitbranchen der Region. Ganz bewusst lenkt die Route den Blick immer auch auf das Hier und Jetzt, auf die Unternehmen der Gegenwart. Zumal viele eine tief in der Region verwurzelte Geschichte haben – wie der Frankfurter Flughafen, Heraeus in Hanau oder Schott Glas in Mainz.
Industriekathedralen werden jene Bauwerke genannt, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert vom Anspruch der Unternehmen zeugten, nicht nur Güter herzustellen, sondern auch Zentralen von Macht und Geist zu sein. Der Glaube an den Fortschritt war ungebrochen. Die industrielle Produktion versprach ein Glück, das innerhalb der Welt zu haben war und nicht auf ein Jenseits verschoben werden musste. So nehmen sich gerade die Verwaltungsgebäude großer Unternehmen wie gewaltige Kirchen mit hohen Räumen aus, oft eingeteilt in Hauptschiff, Querschiff und Nebenschiffe, geschmückt mit Skulpturen und Reliefs.
Der Peter-Behrens-Bau der Farbwerke Hoechst, 1924 vollendet, ist ein Backsteinbau, der nach Art einer Basilika errichtet wurde, die Eingangshalle besticht unter anderem durch ihre farbigen Ziegel. Innenhof, Hörsaal, Bürotrakte fügen sich zu einem einzigartigen Ensemble, in dem auch eine Arbeiterstatue nicht fehlen darf. Der Behrens-Bau war damals die neue Mitte einer Unternehmenskultur, die jahrzehntelang den Frankfurter Westen prägte. Heute dient die „Kathedrale der Arbeit“ als Verwaltungssitz der Infraserv, die den Industriepark Höchst bewirtschaftet.
Das IG Farben-Haus, 1925 als Zentrale des damals größten Chemie-Konsortiums der Welt erbaut, hat ein anderer bedeutender expressionistischer Architekt entworfen: Hans Poelzig. Das Bauwerk im Frankfurter Westend, monumentales Beispiel neoklassizistischer Architektur, wird heute von der Goethe-Universität als Hauptgebäude genutzt. Es ist das Herzstück des vitalen neuen Campus Westend. Dennoch: Die wechselvolle Geschichte des Poelzig-Baus, die tiefe Verstrickung des IG-Farben-Konzerns in den Nationalsozialismus bewirken, dass man sich dem einstigen IG Farben-Haus nicht unbefangen nähern kann. Da verhält es sich mit einem Gebäude wie dem der Phrix-Fabrik in Hattersheim-Okriftel schon anders. Es ist eine Industrieruine, die allerdings von vielen Kreativen genutzt wird. Einst wurden dort Cellulose und Papier hergestellt, doch 1970 war damit Schluss. Jetzt haben sich dort Künstler eingerichtet.
Bahnhöfe, Brücken, Wassertürme, Klärwerke, Silos, Freibäder oder Kuriositäten wie der Frankfurter Schwedlersee zählen zu den Orten, die in der „Route der Industriekultur“ verzeichnet sind. Oder das Rosentalviadukt („24 Hallen“), das sich ästhetisch an römischen Aquädukten orientiert und das Tal der Usa zwischen Friedberg und Bad Nauheim überquert. Zwischen 1847 und 1850 wurde es erbaut, als Teil der Main-Weser-Bahn. Das Bauwerk überspannt 275 Meter und ist wie so viele Ingenieurskunst aus der industriellen Aufbruchszeit mehr als nur ein rein funktionales Objekt. Es hat repräsentativen Charakter. Und bezieht sich auf die Antike, in der es ja einen technischen Fortschritt gegeben hatte, der nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs keine Fortsetzung mehr fand. Im 19. Jahrhundert jedoch waren sich Wissenschaftler und Ingenieure bewusst, dass sie daran anzuknüpfen in der Lage waren und das im Altertum Geleistete sogar noch überbieten konnten. Dass die Antike Maß und Form auch für das moderne Bauen zu liefern habe, geriet im 20. Jahrhundert in den Hintergrund. Die Folge war eine Maßlosigkeit, die zu korrigieren sich die Gegenwart vorgenommen hat.
Architektonische Solitäre wie die Opelvillen in Rüsselsheim, wo heute die Kunst beheimatet ist, sind dagegen ein Beleg, dass unternehmerische Selbstdarstellung und Geschmackssicherheit durchaus Hand in Hand gehen können. Und sie sind zugleich ein Paradebeispiel als Ort der Industriekultur: Hier verbinden sich architektonische Qualität, die Industriegeschichte eines bis heute großen Unternehmens der Region und eine neue, allen offen stehende Nutzung als Ort für Kunst und Kultur.
Michael Hierholzer

