Bayerischer Untermain
Hightech und Lebensqualität abseits der Grossstadthektik
Ein Schloss bildet die Skyline, im Tal produzieren Weltmarktführer, eine Prinzessin schwärmt von Windrädern und für die Musikszene ist Aschaffenburg eine Großstadt. Eine Entdeckungsreise
Der Bayerische Untermain ist ein echter Geheimtipp. Zahlreiche nationale und internationale Studien belegen, dass Lebensqualität, Zukunftschancen und Entwicklungsperspektiven in der Region spitze sind. Innovationen und Traditionen stehen sich im hessisch-bayerischen Grenzland, in dem etwa 370000 Menschen leben, nicht im Wege. In Aschaffenburg, mit rund 70000 Einwohnern aus 130 Nationen die „Hauptstadt“ des Bayerischen Untermains, befindet sich Deutschlands erste Straßenkreuzung, die mit Laserscannern und Kameras ausgerüstet ist, um zu erforschen, wie Unfälle vermieden werden können. Wenige Kilometer mainaufwärts, in Miltenberg, bewirtet Deutschlands ältestes Gasthaus heute noch Besucher. Im „Riesen“, einem stattlichen Fachwerkhaus inmitten der malerischen Altstadt, kehren die Reisenden seit dem 12. Jahrhundert ein. Und auch kulturell haben die Bayern in FrankfurtRheinMain die Nase vorne. Deutschlands erste Musikschule wurde 1810 in Aschaffenburg gegründet.
Die Bayern in FrankfurtRheinMain werden von ihren Landsleuten im Süden des Freistaates nicht so recht als „Bazis“ akzeptiert. Zu nah liegt der Bayerische Untermain am Nachbarland Hessen. Hier wird auch nicht bayerisch „gegrantelt“, sondern hessisch „gebabbelt“, Apfelwein gekeltert und Schnaps gebrannt. Ein Viertel Frankenwein wird häufiger als eine süffige Maß Bier bestellt. Aussichten genießen die nördlichen Bayern von Frankfurts Wolkenkratzern und nicht von Alpengipfeln. Statt bierseliger Oktoberfeste feiern sie Winzerfeste. Das alles ist nicht besonders erstaunlich, schließlich sind sie erst vor knapp 200 Jahren zu Bayern geworden. Dagegen haben rund 800 Jahre Zugehörigkeit zum ehemaligen Kurfürstentum und Erzbistum Mainz tiefere Spuren hinterlassen.
Aschaffenburg war die Zweitresidenz der Mainzer Bischöfe und Kurfürsten, die von 1605 bis 1619 Schloss Johannisburg errichten ließen. Dem Mainzer Erzbischof und Kurfürsten Friedrich Carl Joseph von Erthal verdanken die Aschaffenburger einen der frühesten Landschaftsgärten Süddeutschlands. Das ehemalige kurfürstliche Wildgehege wurde ab 1775 nach englischem Vorbild zu einem Park umgestaltet. Park Schönbusch mit seinem künstlichen See, den Wasserläufen, die sich durch Wiesen und kleine Wälder schlängeln, mit Irrgarten, Freundschaftstempel, Schlösschen und Philosophenhaus ist seitdem ein Anziehungspunkt für die Aschaffenburger und ihre Gäste. Im großen Biergarten entwickelt sich an lauen Sommerabenden im hessisch-bayerischen Grenzland die berühmte weiß-blaue Lebenslust.
Erthals Nachfolger, der letzte Mainzer Erzbischof und Kurfürst, Carl Theodor von Dalberg, unterstützte den Bau des Stadttheaters, dessen 200. Geburtstag Ende Oktober 2011 gefeiert wird. Zum Jubiläum präsentiert sich das klassizistische Bauwerk nach über dreijähriger Umbaupause in neuer Pracht. Die Spielstätte wurde für 8,4 Millionen Euro renoviert. Die neue Spielsaison bietet dem Publikum neben Gastspielen renommierter Bühnen auch Veranstaltungen der Aschaffenburger Kleinkunstbühne Hofgarten und des Musikclubs Colos-Saal. Hofgarten-Chef Urban Priol hat mit seinen Gästen in den vergangenen Jahren den Bayerischen Untermain zu einem Zentrum der Kabarettszene gemacht.
Von überregionaler Bedeutung ist auch das Kirchner-Haus in Aschaffenburg gegenüber dem neuen Hauptbahnhof. Der expressionistische Maler Ernst Ludwig Kirchner wurde dort 1880 geboren. Von der Wohnung im ersten Stock beobachtete er als kleiner Junge das Leben und Treiben auf der Straße. „Als Junge saß ich immer am Fenster und zeichnete, was ich sah; Frauen mit Kinderwagen, Bäume, Eisenbahnzüge …“ schreibt Kirchner 1916 in einem Brief. Der neue Verein „Kirchner-Haus Aschaffenburg“ erinnert an den berühmten Sohn der Kulturstadt. In Kirchners Geburtshaus wollen die Aschaffenburger Kirchner-Freunde einen Dokumentationsraum zur Kindheit Kirchners einrichten.
In der Tourismuswerbung firmiert die Region zwischen den Hügeln von Odenwald und Spessart und entlang des Mains nun als „Churfranken“. Churfranken, das sind 20 Städtchen und Dörfer, darunter die Weinorte Klingenberg, Miltenberg, Bürgstadt und die Handball-Hochburg Großwallstadt, die mit Schlössern, Burgen, Weinbergen, Fachwerkhäusern und Wanderwegen um Besucher werben. Mit dem neuen Namen besinnt sich die Region auf das Mainzer Erbe. Churfranken ist Weinland, der Fränkische Rotweinwanderweg lädt zu Erkundungen in den Weinbergen ein. Auf den steilen Buntsandsteinterrassen gedeiht der berühmte Spätburgunder, mit dem Winzer wie Paul Fürst und sein Sohn Sebastian aus Bürgstadt international Beachtung finden.
Die Burgen Churfrankens bieten nicht nur wunderschöne Ausblicke ins Maintal. In den Sommermonaten dienen sie als Kulissen für Festspiele und Konzerte. Publikum aus FrankfurtRheinMain besucht die alljährlichen Clingenburg-Festspiele in Klingenberg. In diesem Sommer eröffnete das „Museum.Burg.Miltenberg“ auf der Mildenburg. Die mittelalterliche Burg, die drei Jahrzehnte nicht besichtigt werden konnte, wurde für 2,8 Millionen Euro restauriert und beherbergt nun anstelle von alten, klapprigen Ritterrüstungen Ikonen und moderne Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.
Doch nicht nur die Kunst des 21. Jahrhunderts, auch moderne Unternehmen und Marktführer sind in der Region zu finden. Der Untermain ist ein Zentrum der Automobilzuliefererindustrie, vor drei Jahrzehnten wurde hier der Airbag entwickelt. Neben den Branchen Automotive, Logistik, Informationstechnologie und Automation haben sich Medizintechnik, optische Technologien und Erneuerbare Energien etabliert. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Forschung, seit 1995 in Kooperationen zwischen Unternehmen und der Hochschule Aschaffenburg, demnächst außerdem in der neuen Fraunhofer-Projektgruppe in Alzenau. Die Wissenschaftler wollen neue Verfahren zum Recycling von Wertstoffen entwickeln.
Seit diesem Jahr ist der Untermain unter der Federführung der Hochschule Aschaffenburg Zentrum der Forschungsinitiative KO-FAS, die sich mit der Entwicklung neuer intelligenter Sensortechnologien beschäftigt. Autos werden mit Sensoren ausgestattet, die Fahrer rechtzeitig vor Gefahren warnen sollen. Für das Projekt zur Unfallvermeidung stehen 25 Millionen Euro zur Verfügung. Forschungsraum ist unter anderem die vielbefahrene Kreuzung in Aschaffenburg.
Die Forschung am Bayerischen Untermain beschränkt sich nicht nur auf Unternehmen und Hochschule. Die Region landet bei den Jugend-forscht-Wettbewerben regelmäßig auf den vorderen Plätzen. Mit ihrer „Zauber-Formel“ gegen Mundgeruch wurden zwei Schüler 2011 Bundessieger. Das Forscher-Duo des Hanns-Seidel-Gymnasiums reist Ende September 2011 zum Europawettbewerb der Europäischen Kommission für junge Wissenschaftler nach Helsinki. Dort werden sie der Jury ihre „Anti-Mundgeruchs-Zauber-Formel“ verraten. Ob die beiden Jungs fern der Heimat als Bayern durchgehen oder sich als Bewohner der Metropolregion FrankfurtRheinMain bezeichnen werden? Wer weiß?
Barbara Hofmann








