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FrankfurtRheinMain

Mobile Region

Nirgendwo sonst in Deutschland pendeln so viele Berufstätige zur Arbeit

Für Thomas Winkelmann beginnt die Arbeitswoche frühmorgens am Hauptbahnhof Bremen. Auf Gleis 3 steigt der freie Software-Berater in den ICE 1743, Abfahrtszeit 6:09 Uhr. Nach fast 500 Kilometern und dreieinhalb Stunden Zugfahrt, einmal Umsteigen in Hannover sowie einer weiteren Station mit der S-Bahn, hat der 41-Jährige seinen Arbeitsplatz erreicht: die Deka-Bank in Frankfurt. Hier ist Winkelmann seit Ende 2006 als Software-Experte tätig. Anfangs lebte er noch in Essen und fuhr von dort immer mit dem Auto. Seit drei Jahren führt der Bremer ein Pendlerdasein zwischen der Hansestadt und der Finanzmetropole. Für einen Bankberater sei Frankfurt eindeutig die erste berufliche Adresse, sagt Winkelmann. Von Dienstag bis Donnerstag arbeitet er hier und wohnt in Niederrad zur Miete. In Bremen hat er ein kleines Eigenheim - und sein Privatleben. „Zu Hause bin ich in Bremen. Hier habe ich mit Familie und Freunden ein soziales Umfeld, in dem ich mich wohlfühle“, sagt der Pendler aus dem Norden.

Wie Thomas Winkelmann ergeht es vielen Berufstätigen – sie kommen wegen ihres Jobs regelmäßig nach Frankfurt. Unter der Woche versetzt die Stadt Tag für Tag die ganze Region in Bewegung. Im Pkw auf der Autobahn, im Zug Richtung Frankfurter Hauptbahnhof und an den vielen Bus-, Straßenbahn-, U- und S-Bahnhaltestellen der Region: Überall sind Menschen auf dem  Weg zur Arbeit. Ein großer Teil von ihnen hat ein gemeinsames Ziel: Frankfurt. Von den rund 490.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Stadt pendeln zwei Drittel. Etwa 325.000 Pendler arbeiten hier. Es gibt in Deutschland keine andere Stadt, die so viele Pendler anzieht. Vergleichsweise gering ist dagegen mit rund 66.000 die Zahl der Auspendler mit Jobs außerhalb von Frankfurt – etwa in Eschborn oder Bad Homburg. Im Berufsverkehr zwischen sechs und neun Uhr „atmet“ die 692.000-Einwohner-Stadt Frankfurt einmal tief ein und wächst so tagsüber zu einer Millionenstadt an, bevor sie nach Feierabend die vielen Tagespendler wieder ins Umland entlässt. Günstiger Wohnraum, ein Leben im Grünen oder enge soziale Bindungen am Wohnort: Die individuellen Beweggründe, Zeit und Geld ins Pendeln zu investieren – und nicht selten dafür auch viel Stress in Kauf zu nehmen –, sind vielfältig. Der Main-Taunus-Kreis, der Main-Kinzig-Kreis und der Kreis Offenbach stehen von den absoluten Zahlen her mit jeweils rund 30000 Berufspendlern nach Frankfurt an der Spitze der Statistik. Diese erfasst auch internationale Pendler, die eher unter die Wochenendpendler fallen dürften. Zur Gruppe von Berufstätigen aus dem Ausland, die für ihren Job nach Frankfurt kommen, gehören vor allem Franzosen, Österreicher und Schweizer. „Als Stadt in einer polyzentrischen Struktur hat Frankfurt eine starke Anziehungskraft auf dem Arbeitsmarkt, nicht nur im Dienstleistungssektor, sondern auch als Industriestandort“, sagt Matthias Böss, Bereichsleiter Analysen und Konzepte beim Regionalverband FrankfurtRheinMain. In seinem  „Regionalen Monitoring 2010“ untersucht der Regionalverband die Pendlerströme in seinem Kerngebiet, dem Ballungsraum FrankfurtRheinMain mit 75 Kommunen und rund 2,2 Millionen Einwohnern. Als die beiden größten Pendlergemeinden in FrankfurtRheinMain wurden Kelsterbach im Kreis Groß-Gerau und Bad Vilbel im Wetteraukreis ausgemacht: Mit jeweils 62 Prozent haben in beiden Orten deutlich mehr als die Hälfte aller Auspendler Frankfurt als Ziel.

Ein weiteres Merkmal der Pendlerströme in der Region arbeitete das Schweizer Beratungsunternehmen Prognos im November 2010 in einer Studie für die IHK Frankfurt heraus: Der Vergleich Frankfurts als wirtschaftlicher Motor der Metropolregion mit ausgewählten Großstädten in Deutschland zeige, dass Frankfurt mit seinem Pendlersaldo, also dem Verhältnis von Ein-  und Auspendlern, zu den am stärksten mit dem Umland verflochtenen deutschen Städten gehöre. Auch die überdurchschnittliche Arbeitsplatzdichte in Frankfurt erreicht keine andere deutsche Metropole. Auf 100 Einwohner in Frankfurt kommen 73 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Ein Wert, der laut Prognos-Studie in FrankfurtRheinMain nur von Eschborn übertroffen wird. Die Stadt am Rand des Taunus entwickelte sich in den vergangenen Jahren zu einem boomenden Dienstleistungsstandort. Während aus Eschborn lediglich 3100 Beschäftigte nach Frankfurt pendelten, arbeiteten 6300 Frankfurter in Eschborn. 134 Arbeitsplätze je 100 Einwohner bedeuteten für Eschborn bundesweit einen der höchsten Werte.

Die  Dynamik der Mobilität in FrankfurtRheinMain reflektieren auch die großen Drehkreuze. Neben dem Flughafen, mit 53 Millionen Passagieren im Jahr 2010 einer der großen internationalen Verkehrsknotenpunkte, gehört im Pendlerverkehr vor allem der Hauptbahnhof Frankfurt dazu. Hier steigen jeden Tag rund 350.000 Reisende in einen von 342 Fern- und 290 Nahverkehrszügen – oder gehen ein Stockwerk tiefer zur S-Bahn-Station, wo täglich 1100 Bahnen ein- und ausfahren. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) ist der größte  Verkehrsverbund Europas und mit zwei Millionen Fahrgästen am Tag wichtigstes Verkehrsmittel in der Region. Viel los ist ebenfalls auf den Straßen rund um Frankfurt: Während im  Durchschnitt täglich auf jedem deutschen Autobahnkilometer etwa 52.000 Fahrzeuge fahren, sind es in FrankfurtRheinMain mehr als 100.000. Das Frankfurter Kreuz, das die Bundesautobahnen A3 und A5 verbindet, passieren jeden Tag mehr als 305.000 Autos und Lastwagen. Es ist damit einer der meistbefahrenen Straßenknotenpunkte Europas.

Neue  Angebote wie das im Oktober 2010 gestartete Pendlerportal Hessen verstehen sich als zusätzlicher Beitrag zum regionalen Mobilitätsmanagement und wollen in den Stoßzeiten den Berufsverkehr auf den Straßen und im öffentlichen Nahverkehr entlasten. Experten wie Matthias Böss vom Regionalverband FrankfurtRheinMain registrieren heute eine Veränderung der Pendlerbewegung: „Der Trend geht zum Leben in der Stadt. Die Menschen bleiben öfters dort, wo sie arbeiten.“ Vor allem auf junge Familien treffe das zu. Insgesamt, so sieht es Mobilitätsforscher Dr. Konrad Götz vom Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), verfüge Frankfurt über eine gute Mischung an Verkehrsmitteln für Pendler. Und wenn es nach Martin Lanzendorf, Professor für Mobilitätsforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt, ginge, dann ist der moderne mobile Mensch künftig „multimodal“ unterwegs und nutzt sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Verkehrsangebote: „Der Manager kommt mit dem Flieger am Flughafen an, steigt ins Taxi oder den Mietwagen und bewegt sich in der Stadt mit dem Fahrrad fort.“

Oliver Sefrin